<![CDATA[SY Okoumé unterwegs - Reiseblog SY Okoumé]]>Sun, 13 Oct 2019 09:48:11 +0200Weebly<![CDATA[Eine Woche Wasser und Wind – unsere Überfahrt von den Azoren nach Portugal]]>Thu, 10 Oct 2019 09:31:47 GMThttp://www.sy-balu.ch/reiseblog-sy-okoumeacute/eine-woche-wasser-und-wind-unsere-ueberfahrt-von-den-azoren-nach-portugal



Abendrot – Schönwetterbot?
Ende August 2019. Wir liegen in der Marina Ponta Delgada auf der Azoreninsel São Miguel. Langsam wird es Zeit für uns, die Azoren zu verlassen und zurück ans Festland zu segeln. Mit dem Herbst kommen die Tiefdruckgebiete und Sturmtiefs Richtung Azoren, die wir nach Möglichkeit vermeiden möchten. Unser Ziel ist Lagos oder irgendein anderer Hafen an der portugiesischen Küste – je nachdem, mit welchen Winden wir es unterwegs zu tun bekommen.

Wir sind mit unserem Plan nicht allein. In der Marina von Ponta Delgada liegen noch einige andere Segelboote, deren Crews ebenfalls in den Startlöchern sind und entweder, wie wir, nach Portugal oder dann nach Madeira segeln wollen. Und uns allen geht es gleich: Wir sind bereit – aber das Wetter macht uns einen Strich durch die schöne Rechnung. Das Azorenhoch hat sich nordöstlich der Inseln etabliert und sorgt auf unserer Route für stabile Ost- bis Nordost-Winde. Bei dieser Wetterlage könnten wir hart am Wind vielleicht gerade mal Madeira erreichen – wenn überhaupt. Das Hoch macht keinen Wank! Täglich konsultieren wir die Wettervorhersagen und jedes Mal zeigt sich das gleiche Bild: Starkwind aus Ost-bis Nordost für die nächsten 10 Tage… Morgen auf Morgen folgt das gleiche Ritual. Wir treffen uns mit den anderen Seglern auf dem Steg und besprechen die neuesten Wetterdaten, nur um immer zum gleichen Schluss zu kommen: „Il y a rien – no weather window for the next 10 days!“. Wir fühlen uns schon wie im Film „Und täglich grüsst das Murmeltier“. Vielleicht wird sich das Wetter nie mehr ändern und wir verbringen den Rest unseres Lebens im Hafen von Ponta Delgada. Und jeden Morgen empfängt einen derselbe Spruch auf dem Steg: „Hast du den neuen Wetterbericht schon gesehen?“

Bis sich dann doch noch etwas an der Wetterlage ändert, vergehen ganze drei Wochen. Drei Wochen, in denen wir uns in Geduld üben und uns im schwelligen Hafen von Ponta Delgada durchschaukeln lassen. Drei Wochen – die trotzdem einfach toll sind! Geteiltes Leid, ist halbes Leid; immer wieder sitzen wir mit den anderen Crews bei einem Kaffee oder einem Glas Wein zusammen und verbringen entspannte und gesellige Abende im Cockpit, mal auf diesem Schiff, mal auf jenem. Zudem haben wir auch noch Zeit, Ausflüge mit Freunden von uns zu unternehmen, die auf São Miguel ein Ferienhaus besitzen. Wir geniessen die Zeit mit ihnen sehr, und so vergehen die drei Wochen schliesslich im Handumdrehen.

Am 15. September 2019 heisst es dann „Leinen los“. Vor uns liegen knapp 900 nautische Meilen und eine gute Woche auf See... Zusammen mit den englischen Booten ERICA und PAVO legen wir von Ponta Delgada ab. Die französische SAMIRENA hat eine gute Stunde Vorsprung. PAVO und SAMIRENA wollen nach Lagos, ERICA hat Porto zum Ziel. Die Boote sind sehr unterschiedlich was die Segeleigenschaften angeht und nach ein paar Stunden haben wir uns bereits aus den Augen verloren. Mit SAMIRENA tauschen wir jedoch täglich mittels einer Kurznachricht über das Satellitentelefon unsere jeweiligen Positionen aus.

Die ersten beiden Tage auf See verlaufen recht ruhig, die Bootsbewegungen halten sich im Rahmen und wir kommen schnell in den Rhythmus des Bordlebens unterwegs. Der Wind weht nur sehr schwach und hat leider meist einen östlichen Einschlag. Wir wechseln ab zwischen Segeln am Wind und langsamer Fahrt unter Motor. Sinnlos herumtrödeln möchten wir aber auch nicht, denn wir wollen genügend Abstand zwischen uns und das Tief bringen, das in zwei Tagen die Azoren erreichen und dann nordwärts drehen soll. An den ersten beiden Abenden frischt der Wind etwas auf und kommt direkt aus Osten, also genau von vorne (what else!!). Nach ein paar Stunden ist der Spuk jedoch wieder vorbei und wir können unseren Kurs Richtung Lagos – mehr oder weniger – halten.

Am dritten Tag schläft der Wind vollkommen ein und auch die See beruhigt sich immer mehr. Ab und zu geht ein kleines Lüftchen (1-5 Knoten Wind). Wir packen den asymmetrischen Spinnaker aus und geben alles, trimmen, zupfen an den Leinen, ändern den Kurs, stehen auf dem Deck und pusten in das schlaff herabhängende Ballonsegel… und machen gerademal zwischen 0 und 2 Knoten Fahrt. Als uns schliesslich eine Schildkröte in Luv überholt, holen wir den Spi wieder ein, und merken, dass wir ohne das grosse Leichtwindsegel noch immer die gleiche „Fahrt“ machen – wir bewegen uns nicht wegen des Winds, sondern treiben einfach in einer leichten Strömung! Auch die Nachtwachen sind bisher ruhig verlaufen. Regula kann inzwischen das Sonnet Nummer 23 von Shakespeare auswendig und Thomas vertreibt sich die Zeit mit der Beobachtung von Sternschnuppen und dem Aufgang des Vollmonds. In unseren Freiwachen können wir beide gut schlafen.

Am Morgen des vierten Tags auf See erhalten wir, wie jeden Morgen, eine SMS von SAMIRENA auf dem Satellitentelefon. Als wir die Position der beiden Franzosen mit der unsrigen vergleichen, stellen wir erstaunt fest, dass sich die beiden Boote in unmittelbarer Nähe befinden. Wir rufen die SAMIRENA über Funk – und erreichen sie tatsächlich! Später sehen wir gar das kleine, weisse Dreieck ihres Segels am Horizont. Es ist einfach grossartig und schön, sich mitten auf dem Atlantik zu begegnen! Am Nachmittag ist das Segel achteraus am Horizont verschwunden.

Die Wettervorhersage ist leider etwas weniger schön: Wir erwarten den Durchzug von zwei Fronten. Eine erste, recht schwache soll uns noch am gleichen Tag erreichen. Eine zweite, wohl sehr aktive, wird für Freitag oder Samstag (unseren 6. und 7. Tag auf See) vorhergesagt. Sie ist Teil eines Sturmtiefs, dessen Zugbahn erstaunlich weit südlich im Atlantik liegt. Das Tief zieht in Richtung portugiesische Küste… Regula ist sehr beunruhigt. Ihre Angst vor Gewittern macht sich Raum, denn Fronten von Tiefdruckgebieten gehen oft mit Gewitterzellen einher. Auf dem Computer sehen die Wetterfiles zudem furchterregend aus. Thomas beruhigt. Gemeinsam schauen wir uns die Wetterdaten nochmals differenziert an und entscheiden uns, ab sofort möglichst südwärts zu halten. Dann sollten wir den stärksten Winden entgehen können. Natürlich frischt nun der angesagte Wind aus Süden langsam auf. Hart am Wind segeln wir in die Nacht – Kurs Südost.

In der Nacht zum fünften Tag auf See dreht der Wind wieder auf Ost-Südost und bläst uns mit 20 Knoten direkt auf die Nase. Wir sind verwirrt, denn das war nicht vorhergesagt! Es regnet in Strömen, die Sicht ist minimal. Wir liegen beide im Cockpit auf dem Boden, im Schutz der Sprayhood, auf die der Regen prasselt, und segeln ins Nirgendwo, scheinbar gefangen in einer unfreundlichen, grauen Welt – ob sie uns jemals wieder frei gibt? Am Vormittag dreht der Wind dann endlich auf Südwest (und später auf West), die Wolken reissen auf und wir machen bei 5 bis 6 Beaufort flotte Fahrt. Der neue Wetterbericht hat den Starkwind für Freitag/Samstag etwas zurückgenommen. Gemäss den neuen Daten ist zudem der Wind weiter südlich nicht weniger stark als auf unserer jetzigen Breite. Es lohnt sich also nicht, noch weiter südlich zu fahren, und wir nehmen direkt Kurs auf das Kap São Vicente an der Südwestküste Portugals.

Am Abend sucht ein kleiner Vogel Zuflucht in unserem Cockpit. Er ist wirklich winzig, ein kleiner flauschiger Ball, der sich erst unter der Sprayhood ausruht und sich dann daran macht, das Bootsinnere zu entdecken und wild herumflatternd für Aufregung unter der Crew sorgt. Wir füttern den kleinen Wicht mit Knäckebrot-„Brösmeli“ und richten ihm in einem Hut ein kleines Nest. Nach ein paar Stunden ist er verschwunden. Was macht ein so kleiner Vogel hier draussen auf dem Atlantik, mehrere hundert Seemeilen von der Küste entfernt?

Den sechsten Tag verbringen wir mit Vorbereitungen auf den Starkwind und die Front, die uns, genau wie vorhergesagt, morgens um 6 Uhr des siebten Tags auf See einholt. Um die Front möglichst schnell durchziehen zu lassen, drehen wir schliesslich bei (das heisst, wir stoppen das Boot durch ein bestimmtes Manöver mit einer gewissen Segelstellung auf). Wir liegen am Boden, in voller Montur (Ölzeug, Rettungsweste, Lifebelt), Thomas oben im Cockpit, Regula unten in der Kajüte. Wir sind beide müde und übernächtigt (und ganz schön nass!). Der Regen peitscht horizontal über die OKOUMÉ, der Seegang nimmt zu. Trotz Wind und Wellen liegt die OKOUMÉ beigedreht (unter Reff 3 im Gross und Kreuzfock) erstaunlich ruhig. Nach einer Weile haben wir Vertrauen in unsere gegenwärtige Situation gewonnen, kochen Kaffee und checken die neuesten Wetterdaten. Diese versprechen, dass der Wind zwischen 9 und 10 Uhr UTC von Südwest auf Nordnordwest dreht. Und so ist dann auch, kurz vor 10 ist der Windreher da! Wie genau die Vorhersagen sind! Schnell klarieren wir die Fock, und haben anfangs in der grauen Welt um uns noch etwas Orientierungsschwierigkeiten und wenden einmal zu viel… Aber schliesslich sind wir auf Kurs – und wie! Die See ist eindrücklich und grob; die Nordwest-Welle legt sich über die alte Dünung aus Süden und unsere OKOUMÉ tanzt über die Seen, die von allen Seiten zu kommen scheinen. Der Wind hält sich aber mit bis zu 30 Knoten in Grenzen, die Wolken lichten sich, die Sonne bricht durch und das Segeln macht sogar Spass! Anfangs steuern wir abwechselnd von Hand, dann sind wir aber zu müde und überlassen das Ruder dem Autopiloten, der das Boot auch bei diesen anspruchsvollen Bedingungen perfekt auf Kurs hält. Unsere OKOUMÉ verhält sich sehr vertrauenserweckend, wir kommen gut vorwärts und können uns so langsam wieder entspannen. Die Front ist durch (ohne Gewitter, notabene), der Himmel wird immer blauer und der schöne Wind begleitet uns bis in den Abend.

Für den Rest der Reise weht der Wind aus Westen (also von hinten) mit 2 bis 4 Beaufort. Anfangs ist die Dünung noch beträchtlich, dann nimmt auch sie langsam ab und wir können während unserer letzten Nacht auf See wieder geregelt unsere Wachen gehen. Wir geniessen nochmals den klaren Sternenhimmel und den grossen Mond in dieser eigenen Welt der Ruhe jenseits der Hektik des Lebens an Land.

In der darauffolgenden Nacht erreichen wir die portugiesische Küste beim Kap São Vicente. Wie intensiv die Düfte der Küste auf uns wirken! Auf Höhe des Fischerhafens Baleeira steigt uns ein unverkennbares Fischaroma in die Nase; dann dominiert ein Duft nach Holz und Gebüsch unsere kleine Welt an Bord. Um 2 Uhr in der Früh schleichen wir im Dunkeln in den Hafen von Lagos und machen am Empfangssteg vor dem Hafenbüro fest. Die Marina ist gut besucht, am Empfangssteg gibt es nur noch eine kleine Lücke, in die unsere OKOUMÉ glücklicherweise genau hinein passt. Flüsternd räumen wir etwas auf und lassen uns dann erleichtert in die Kojen fallen.

Seit unserer Ankunft hier in Lagos sind nun schon zwei Wochen vergangen. Anfangs war uns der Trubel im und um den Hafen fast etwas zu viel, wir „litten“ an Reizüberflutung. Auf den Azoren ging es schon noch etwas ruhiger zu und her und während der Woche auf See waren wir ganz auf uns allein gestellt gewesen. Inzwischen haben wir uns aber wieder eingewöhnt und geniessen das bunte Hafenleben in vollen Zügen. ERICA ist wohlbehalten in Porto eingetroffen und etwa einen Tag nach uns haben auch PAVO und SAMIRENA die Küste der Algarve erreicht. Natürlich haben wir zusammen auf die gelungene Überfahrt angestossen…

Hier in Lagos waren wir ja schon den letzten Winter über und es ist schön, hier angekommen zu sein. Wir haben bereits viele bekannte Gesichter wieder getroffen und auch schon wieder neue Bekanntschaften gemacht. Nun steht bald Besuch aus der alten Heimat (der Schweiz) an, worauf wir uns besonders freuen. Eigentlich ist also alles paletti – wenn da Hurrikan Lorenzo nicht wäre, der in der Nacht zum 2. Oktober direkt über die Azoren zieht! Wir zittern mit unseren Freunden, die noch auf den Azoren weilen und sind froh, dass sie den Sturm schadlos überstehen. Es kommen aber nicht alle Azoren-Bewohner so glimpflich davon. Die westlichen Inseln werden hart getroffen; der Hafen von Lajes auf der Insel Flores wird komplett zerstört. 2012 hatten wir mit der BALU auf dem Rückweg von der Karibik in diesem idyllischen Hafen festgemacht. Wir sind schockiert, als wir nun die Bilder der Zerstörung sehen und es ist nicht einfach, den Gedanken einzuordnen, dass wir vor kurzem selber noch auf den Azoren waren…

Die Überfahrt von den Azoren war für uns in vieler Hinsicht sehr lehrreich. Welche Schlüsse wir aus den Erfahrungen gezogen haben und wie wir die Reise rückblickend betrachten, werden wir beim nächsten Mal erzählen. Bevor ihr euch langweilt, folgen hier zur Abwechslung und zum Abschluss lieber ein paar Fotos ;-)

Sonnige Grüsse aus Lagos von eurer OKOUMÉ-Crew, Thomas & Regula
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<![CDATA[Feuer im Hafen und Blauwasser im Kopf - von São Miguel nach São Jorge und Terceira]]>Sun, 25 Aug 2019 11:53:54 GMThttp://www.sy-balu.ch/reiseblog-sy-okoumeacute/feuer-im-hafen-und-blauwasser-im-kopf-von-sao-miguel-nach-sao-jorge-und-terceira


Lieber Dampf
aus der Erde
als Rauch
über dem Hafen!
Ein gemütlicher Sommertag im Hafen von Angra do Heroísmo auf der Azoren-Insel Terceira: Thomas kümmert sich um die Wartung des Baumniederholers, Regula sitzt unter dem Sonnensegel im Cockpit und schreibt in ihr Notizbuch. Ein grosses Motorboot fährt an uns vorbei in Richtung Tankstelle und beginnt plötzlich laut und anhaltend zu hupen. Was ist los? Regula schaut verdutzt von ihrem Heft auf. „Da brennt ein Boot!“ Thomas steht auf dem Deck der OKOUMÉ und deutet aufgeregt zum keine 40 Meter entfernten Empfangssteg hinüber. Tatsächlich, ein Motorboot steht in Flammen, direkt vor dem Marinagebäude und in unmittelbarer Nähe der Tankstelle! Das vorbeifahrende Schiff hat gehupt, um Alarm zu schlagen. Leute eilen herbei und auch Thomas schnappt sich einen unserer Feuerlöscher – doch es ist schon zu spät, das Boot brennt lichterloh und die Versuche, dem Feuer mit herkömmlichen Feuerlöschern beizukommen, scheitern kläglich. Dicker schwarzer Rauch steigt auf. Die immense Hitze des Feuers ist trotz Gegenwind (glücklicherweise weht der Wind nur schwach und auch von uns weg!) bis zu uns hinüber spürbar. Am Ende unseres Stegs und sehr nahe am brennenden Motorboot liegt eine Hallberg Rassy-Jacht, niemand ist an Bord. Wir stehen mit dem Wasserschlauch neben dem schönen Segler und hoffen, dass die Festmacher des brennenden Motorboots halten und das Boot nicht im Hafen umherzutreiben beginnt. Bange Momente: Wo bleiben die Bombeiros (die örtliche Feuerwehr)? Zwei Tage zuvor hatten wir die Feuerwehrleute beim Folklorefest noch fröhlich trommelnd durch die Stadt ziehen sehen – jetzt gilt es ernst.

Plötzlich kommt ein Jetski-Fahrer herangebraust. Geschickt beschleunigt er, schlägt auf Höhe des brennenden Bootes enge Haken und produziert auf diese Weise Wellen, die über das Boot waschen. So etwas haben wir noch nie gesehen! Nach einer Weile hat er den Dreh perfekt raus und mit einer letzten gezielten Welle löscht er das Feuer. Nun kommt endlich auch die Feuerwehr und sichert die Lage - wir können ausatmen! Die lärmigen Jetskis sind normalerweise ja nicht gerade des Seglers beste Freunde; in Zukunft werden wir uns aber hüten, uns über sie aufzuregen ;-) Nicht auszudenken, was alles hätte passieren können, hätte der Jetski-Fahrer nicht so beherzt eingegriffen. Wie wir später von einem Mitarbeiter der Marina erfahren, war ein Kabelbrand der Auslöser des Feuers gewesen. So nah mitzuerleben, wie schnell sich ein Brand auf einem Boot ausbreitet, hat uns sehr beeindruckt. Eine schaurige Vorstellung – Feuer an Bord ist wohl wirklich das Worst-Case-Szenario, auf hoher See bleibt einem da nicht viel Zeit, die Rettungsinsel klarzumachen…
Über die spektakuläre Löschaktion des Jetski-Fahrers berichteten auch die lokalen Medien: Bericht RTP Azoren.

Aber nun zu erfreulicheren Dingen. Von dem aufregenden Nachmittag im Hafen von Angra einmal abgesehen, liegen ein paar schöne, sonnige und entspannte Wochen auf den Azoren hinter uns. Wir haben die Langsamkeit (wieder-)entdeckt und bleiben meist zwei Wochen in den angelaufenen Häfen hängen. Dies einerseits, weil wir uns für die jeweilige Insel Zeit nehmen wollen, andererseits, weil immer dann, wenn wir bereit wären, weiterzusegeln, das Wetter umschlägt, der Wind tagelang aus der falschen Richtung weht oder es gar keinen Wind und dafür Wellen satt gibt. Dass meist Nordwestwind ist, wenn wir nach Nordwesten wollen, kennen wir ja schon von unserer Überfahrt von Madeira zu den Azoren. Dies können wir ja noch nachvollziehen, denn die Azoren befinden sich nun mal in einer Westwindzone. Schlau wie wir sind, nutzen wir daher eine der wenigen Ostwindlagen und segeln von São Miguel aus über Nacht gleich nach São Jorge und lassen das auf dem Weg liegende Terceira vorerst aus. Von São Jorge aus können wir dann ja jederzeit mit dem vorherrschenden Westwind nach Terceira zurück, so der Gedanke. Und was passiert: Südlich der Azoren etabliert sich eine Tiefdruckrinne, die für kräftigen Ostwind sorgt… Unser Boot kennt langsam nur noch Am-Wind-Kurse, Vorwindsegeln ist allmählich ein Fremdwort für uns. Als der Wind auf dem Schlag nach Terceira dann doch noch etwas dreht und die OKOUMÉ an Fahrt verliert, brauchen wir eine Weile, um zu begreifen, dass wir ja die Schoten fieren könnten ;-)

Wie gemütlich wir unterwegs sind, zeigt sich nicht nur daran, dass seit mehreren Wochen eine Spinne in unserem Windpiloten wohnt (werden Spinnen eigentlich nie seekrank?). Unsere Entschleunigung wird auch im Gegensatz zur Emsigkeit der Charterboote deutlich, die geschäftig von einer Insel zur nächsten hüpfen. Langsam kennen wir die Namen der Mietboote, denen wir immer wieder begegnen. In der Zeit, die wir in einem Hafen verbringen, fahren die gleichen Charterboote nicht nur mehrmals ein und aus, sie haben teilweise auch schon eine neue Crew an Bord…

Im Vergleich zu unserer früheren Reise mit der BALU ist es auffallend, wie viele Charterboote mittlerweile auf den Azoren unterwegs sind. Damals, als wir 2012 von der Karibik kommend auf den Azoren Halt machten, hatten wir keine Charterboote gesehen, oder sie waren uns zumindest nicht aufgefallen. Und was für uns auch neu ist: Es scheint immer mehr in Mode zu kommen, nicht nur ein Schiff zu mieten, sondern gleich einen Skipper dazu. Ein gemieteter Skipper trägt dann nicht nur die Verantwortung für Boot und Besatzung, sondern ist gleichzeitig Reiseleiter und Mädchen für alles. Immer wieder konnten wir beobachten, wie der Skipper das Boot allein bedient und im Hafen anlegt, während die Crew (oder besser gesagt die Kundschaft) teilnahmslos im Cockpit sitzen bleibt und keinen Finger rührt. Andere Segler eilen dann hilfsbereit hinzu, um die Leinen anzunehmen... Anschliessend machen sich die Kunden fein für den Ausgang und der Skipper räumt das Boot auf, spritzt es mit Süsswasser ab, steckt den Strom ein usw. Manchmal kommen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Auf diese Weise verkommt doch der schönste Segeltörn zum reinen Konsum.

Während wir uns einmal wieder vom Ostwind schütteln lassen, wünschen wir euch nun viel Spass mit der Bildergalerie zu São Miguel, São Jorge und Terceira. Até a próxima! Cheerio vo oiere OKOUMÉ-Crew
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<![CDATA[Vom Bolo do Caco zur Ananas - Oder: Wie die OKOUME doch noch von Madeira zu den Azoren segelte]]>Thu, 11 Jul 2019 18:24:00 GMThttp://www.sy-balu.ch/reiseblog-sy-okoumeacute/vom-bolo-do-caco-zur-ananas-oder-wie-die-okoume-doch-noch-von-madeira-zu-den-azoren-segelte

Santa Maria –
Ilha do Sol (Sonneninsel):
Wir sind auf den Azoren
angekommen!

Was lange währt, wird endlich gut. Nachdem wir über einen Monat auf ein Wetterfenster gewartet haben und einmal sogar wieder umgekehrt sind, erreichen wir am 1. Juli die Insel Santa Maria, das südöstlichste Eiland der Azoren. 4 Tage und Nächte und 520 Seemeilen liegen seit Porto Santo (Madeira) hinter uns, als wir am späteren Nachmittag bei ruhigen Bedingungen in den gut geschützten Hafen von Vila do Porto einlaufen. Wir freuen uns wirklich riesig, hier auf der Ilha do Sol – der Sonneninsel der Azoren – angekommen zu sein!

Und das Beste ist: Rückblickend können wir sagen, dass das lange „Warten“ auf Madeira eigentlich ganz gut war. So haben wir Orte auf Madeira kennen und schätzen gelernt, die uns sonst entgangen wären. Zum Beispiel das ganz im Westen der Insel gelegene Calheta, das nur wenig von Seglern besucht wird. Von der Steinschlagproblematik einmal abgesehen (siehe unseren Eintrag vom Juni) hat der hauptsächlich von Sport- und Berufsfischern genutzte Hafen eine eigene Atmosphäre, und das Leben im Ort ist entspannt und gelassen. Nach unserem missglückten ersten Versuch, zu den Azoren zu segeln, bleiben wir ganze zwei Wochen in Calheta „hängen“ und können so auch das Fest zu Ehren des São João, das dieses Jahr am 21. und 22. Juni stattfindet, miterleben. Am Strand gibt es Konzerte mit freiem Eintritt für alle und ein farbenfroher Umzug zieht Zuschauer von der ganzen Insel Madeira an. An der Promenade locken Bars und Stände mit Poncha (einem süsslichen alkoholischen Getränk mit Honig), Coral (dem inseleigenen Bier) und natürlich mit frischem Bolo do Caco (einer Art Fladenbrot, das meist warm und mit viel Knoblauchbutter gegessen wird). Natürlich darf auch „Frango assado“ nicht fehlen, gegrilltes Hähnchen mit einer Marinade aus Öl, Peperoni und Gewürzen. Um ein Grillhähnchen zu ergattern, braucht es jedoch etwas Geduld und eine gewisse Unempfindlichkeit gegen Rauchschwaden. Der typische Fettgeruch hängt auch nach tagelangem Auslüften noch in den Kleidern…

Zusammen mit der Crew der RUFFIAN (für lange Zeit neben uns das einzige andere bewohnte Segelboot im Hafen von Calheta) besuchen wir das Konzert von Pedro Abrunhosa, einem in Portugal seit Jahrzehnten bekannten Musiker und Künstler. Als Vorgruppe tritt eine portugiesische Elton John-Tribute-Band auf, die es wirklich drauf hat! Wir geniessen die sternenklare, warme Nacht, die tolle Musik und die gute Stimmung. Wir lernen einen Einheimischen kennen, der uns einiges über Pedro Abrunhosa erzählt. Er freut sich sehr, dass wir uns für die portugiesische Musik begeistern können und lädt uns alle auf ein Bier ein. Für uns ist das Bier auf den portugiesischen Inseln, das im Schnitt um 1 Euro kostet, verhältnismässig günstig – bei den Menschen, die auf den Inseln wohnen und hier für ein bescheidenes Gehalt arbeiten, sieht das natürlich ganz anders aus und wir schätzen die Einladung sehr.

Während der Zeit des „Wartens“ auf das gute Wetterfenster ist es uns also nicht allzu schlecht ergangen ;-) Gefreut haben wir uns auch darüber, viele nette Leute kennenzulernen, wie zum Beispiel die erwähnte Crew der RUFFIAN oder auch den bekannten Segler und Autor Sönke Rövers. Auf Porto Santo läuft er uns plötzlich über den Weg. Damals, als seine Frau Judith und er mit der HIPPOPOTAMUS um die Welt segelten, hatten wir, wie so viele andere, die Reise der beiden Segler aufmerksam verfolgt. Die Erlebnisse, die die beiden in ihrem Blog so eindrücklich schilderten, hatten uns ermutigt, 2010 selbst loszusegeln, damals noch mit der BALU, unserem früheren Segelboot. Es war schön und interessant, Sönke nun auch im realen Leben anzutreffen und mit ihm bei einem Sundowner an Bord der OKOUMÉ etwas zu plaudern.

Die Geduld hat uns aber nicht nur schöne Orte entdecken und nette Menschen treffen lassen, sie hat uns schliesslich auch eine gute Überfahrt zu den Azoren beschert:

Am 27. Juni legen wir um die Mittagszeit in Porto Santo ab und umfahren die Insel im Osten, denn der Wetterbericht sagt für diesen Tag noch Winde aus Nordwest voraus und wir wollen keinen Meter Nord verlieren. Dies bedeutet zwar, dass wir zuerst etwa 5 Seemeilen gegen Wind und Wellen motoren müssen, dafür haben wir aber von der Nordküste Porto Santos aus die bessere Ausgangslage, im Luv am westlich gelegenen Madeira vorbeizukommen. Der Wetterbericht stimmt: Als wir die Nordseite Porto Santos erreicht haben, kommen wir bei ca. 4 Windstärken hart am Wind gut vorwärts und machen flotte Fahrt westwärts. Nur der Seegang macht uns etwas zu schaffen. Die Wellen sind zwar nicht so hoch (ca. 2 Meter), sie sind jedoch recht kurz und steil. Wir vermeiden es, länger als nötig nach unten zu gehen und bleiben lieber an der frischen Luft…

Wir müssen uns erst an den Gedanken gewöhnen, dass unsere Welt nun 4 Tage lang schräg sein wird, denn gemäss Vorhersagen wird es während der ganzen Distanz beim Am-Wind-Kurs bleiben. Da wir jedoch eher schwache Winde erwarten (zwischen 1 und 4 Beaufort), passt das nicht schlecht. So können wir immerhin segeln; für einen Kurs mit achterlichem Wind würden diese Stärken kaum reichen. Zudem schiebt die OKOUMÉ wegen ihrer hohen Grundstabilität nur recht wenig Lage und mit der Zeit ist es ganz normal, die Schapps mit der nötigen Vorsicht zu öffnen und beim Kochen die Utensilien so zu platzieren, dass sie nicht ins Lee rutschen. Zum Glück hat unsere Pantry gut dimensionierte Schlingerleisten!

Am zweiten Tag kommt der Wind für ein paar Stunden aus Nord und später gar für eine kurze Weile aus Nordnordost. Freude herrscht an Bord und wir meinen schon, etwas abfallen zu können – da dreht der Wind wieder westwärts. Wir fragen uns, ob es in dieser Welt eigentlich auch noch etwas anderes gibt als Nordwestwind und ob wir jemals die Azoren anliegen können oder in die Karibik abdrehen müssen… Zum ungünstigen Wind gesellen sich auch noch ein paar dunkle Regenwolken, was die Stimmung der Crew nicht gerade fördert. Gegen Abend hin lösen sich die dichten Wolken jedoch wieder auf und am dritten Tag kommt er endlich, der ersehnte Nordost-Dreher! Der Wind pendelt nun zwischen 2 und 3 Beaufort, der Seegang nimmt merklich ab, die Sonne scheint von einem quasi wolkenlosen Himmel und wir segeln gemütlich unserem Ziel entgegen. Auch für Regula, die während der ersten 48 Stunden noch mit der Übelkeit gekämpft hat, ist das Unwohlsein nun definitiv passé. Thomas hat seine Seemannsbeine schon früher gefunden. Am letzten Tag erreichen wir das Zentrum des Azorenhochs. Der Wind fällt nun vollends zusammen und wir legen die letzten Seemeilen per Motor zurück.

Insgesamt ist es wirklich ein sehr schöner und ruhiger Törn geworden, mit 4 sternenklaren Nächten (das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen!). Tagsüber erhalten wir Besuch von Möwen und Tölpeln und ab und zu guckt ein zerfurchter Schildkrötenkopf zu uns hoch. Am letzten Tag sehen wir in einiger Distanz verschiedene Wale, einen Hai und immer wieder portugiesische Galeeren, die giftigen Quallen, die mit dem Wind durch das Wasser gleiten, ihr halbtransparentes, violett schimmerndes „Segel“ weit aufgespannt. Kurz vor Vila do Porto sorgt eine Schule kleinerer Pilotwale für Aufregung – die Tiere sind plötzlich ganz nah und tauchen nur wenige Meter vor dem Bug der OKOUMÉ wieder ab.

Anderen Schiffen begegnen wir während der zurückgelegten 520 Seemeilen kaum. Ein bis zweimal pro Tag erscheint ein Signal auf dem AIS. Meist kommen uns die Schiffe jedoch nicht nahe genug, sodass wir sie nur auf dem Bildschirm, nicht aber in Natura sehen können. Manchmal haben wir das Gefühl, in dieser friedlichen Welt aus Blau ganz allein zu sein. Weil alles so ruhig scheint, ist der Gedanke, die Wache etwas locker anzugehen, schon sehr verlockend. Wir hätten gute Lust, abends einfach beide schlafen zu gehen. Am dritten Tag jedoch werden wir einmal wieder eines Besseren belehrt: Tatsächlich erscheint ein Tanker am Horizont und hält genau auf uns zu. Wir rufen das Schiff über Funk und sind positiv überrascht, als wir umgehend eine Antwort erhalten. Mit freundlicher Stimme erklärt uns der Funker des Tankers, er habe uns bereits beobachtet und unseren Kurs und unsere Geschwindigkeit überprüft. Er ändert freundlicherweise seinen Kurs etwas nach Steuerbord, um uns die Vorfahrt zu lassen. Auf dem AIS sehen wir, dass der Tanker 226 Meter lang ist – das wäre ein böses Erwachen gewesen (zumindest für die Crew der OKOUMÉ), wären alle Beteiligten blind über den so einsam scheinenden Ozean geschippert. Wir werden weiterhin brav unsere Wachen gehen, scheint die Umgebung auch noch so ruhig!

Nun sind wir bereits seit über einer Woche in Vila do Porto auf Santa Maria. Der gut geschützte Hafen mit seiner Yachtie- und Fischer-Atmosphäre und der kleine, nur wenig touristische Ort haben es uns auf Anhieb angetan. Und auch hier haben wir bereits wieder viele nette Bekanntschaften gemacht. Einige Segler, die wir kennenlernen, sind regelrechte Azorenfans, die es jeden Sommer wieder zu den Inseln im Atlantik zieht. Manche haben sich in Santa Maria verliebt und sind schon seit langer Zeit hier, wie zum Beispiel Heidi und Robert von der PURA VIDA, die uns viel über die Insel zu erzählen wissen, uns schöne Ecken und gute Restaurants zeigen. Für zwei Tagen nehmen wir einen Mietwagen und erkunden die Insel, die mit 96km2 recht überschaubar ist, aber dennoch viel zu entdecken bietet. Der Inselwesten, in dem sich auch der Flughafen befindet, ist eher flach und trocken, der Osten hingegen ist sehr grün, fruchtbar und hügelig. Die Landschaft wirkt sehr idyllisch auf uns, mit ihren Weiden und Wiesen, den Rindern und Pferden, den gepflegten Wegen und weissgekalkten Häusern mit den farbenfrohen Tür- und Fensterrahmen, den Blumen und Agaven am Strassenrand, die einen denken lassen, man fahre direkt durch einen privaten Garten, den dichten Sicheltannen-Wäldern rund um den Pico Alto (dem mit 580m höchsten „Berg“ der Insel) und der absoluten Ruhe, die durch das Zwitschern der Vögel und das leise Rauschen des Windes in den Bäumen noch stärker auf uns wirkt.

Unsere erste Azoreninsel auf dieser Reise gefällt uns also wirklich gut. Nur den madeirensischen Bolo do Caco vom Strassenstand vermissen wir (vor allem Regula) schon etwas. Dafür können wir hier auf den Azoren nun die sagenhaften Ananas von São Miguel geniessen. Die eher kleinen Früchte sind unglaublich aromatisch und süss! Gut, dass wir an Bord keine Waage haben… Da können wir weiterhin ungestört den Leckereien der portugiesischen Küche frönen.

Die Vorfreude auf São Miguel, die Insel, die wir als nächstes besuchen wollen, steigt (nicht nur wegen der leckeren Ananas), und wir bereiten uns langsam darauf vor, weiterzuziehen. Nun folgen hier aber erst einmal ein paar Fotos von Calheta und natürlich auch von Santa Maria, der Sonneninsel, die, wie wir meinen, ihren Namen absolut zu recht trägt!

Bis zum nächsten Bericht, herzlichi Grüess us Vila do Porto, eure Thomas & Regula
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<![CDATA[Manchmal kommt es anders als geplant – Porto Santo und Madeira]]>Thu, 13 Jun 2019 19:36:56 GMThttp://www.sy-balu.ch/reiseblog-sy-okoumeacute/manchmal-kommt-es-anders-als-geplant-porto-santo-und-madeira

Wo bleibt das Wetterfenster?









Madeira versüsst uns das Warten.
Eigentlich hatten vor, direkt von Porto Santo aus zu den rund 500 Seemeilen entfernten Azoren zu segeln. Aber es sollte anders kommen: Nach einigen entspannten, wenn auch windigen, Tagen im Hafen von Porto Santo zeichnet sich Mitte Mai tatsächlich ein günstiges Wetterfenster für den Sprung nach Santa Maria (der südöstlichsten Azoreninsel) ab. Doch dann erreicht uns eine traurige Nachricht und wir müssen für eine Beerdigung in die Schweiz fliegen. Weil die Flugverbindungen von dem benachbarten Madeira aus besser sind, segeln wir bei nächster Gelegenheit hinüber und lassen die OKOUMÉ während unserer Abwesenheit in der Marina Quinta do Lorde am Ostzipfel Madeiras liegen.

Nach einer intensiven Woche in der Schweiz kehren wir nach Madeira zurück. Regulas Bruder Christian begleitet uns; zu dritt erkunden wir während einiger sonniger Tage die Blumeninsel per Mietwagen und zu Fuss. Inzwischen ist es Juni und wir erleben die spektakuläre Inselnatur in ihrer vollen Pracht. Der Norden wuchert in wildem und saftigem Grün, auf der Hochebene Paúl da Serra blühen verschwenderisch die gelben Mimosen und überall zieren violette und weisse Blumen den Wegrand. Immer wieder kommen wir an terrassierten Bananenplantagen und romantischen Gärten im Schatten üppiger Pergolen vorbei. Neben den Strassen fallen die Klippen steil und gebieterisch in die Tiefe, der vulkanische Ursprung der Insel ist unübersehbar. Wir wandern entlang der Levadas – der teils jahrhundertealten Bewässerungskanäle, die die Insel durchziehen – durch üppiges Farngewächs und zauberhafte Lorbeer- und Heidewälder. Und wenn die Nacht hereinbricht hört man mancherorts den Micky Maus-ähnlichen Ruf der Sturmtaucher, die hoch über dem Meer in den majestätischen Klippen nisten.

Madeira hat wirklich viel zu bieten. Manches stimmt uns aber auch nachdenklich: Der Südteil der Insel ist fast so dicht bebaut wie die Goldküste am Zürichsee und es scheint kein Ende der Bautätigkeiten in Sicht. Die Bauwut nimmt auch gefährliche Auswüchse an: Im Bereich der Marina Calheta, in der wir nun liegen, kam es während Sicherungsarbeiten an der steilen Felswand mehrmals zu Steinschlägen. Im Februar traf eine Steinlawine das direkt unterhalb der Klippe liegende Restaurant Rocha Mar; eine 23-jährige Köchin kam dabei ums Leben. Auch jetzt, da die Arbeiten am Fels anhalten, wohnen noch Einheimische auf dem Dach des Restaurants in einer einfachen Hütte. Jederzeit könnte ein erneuter Bergrutsch das Ende bedeuten. Daneben trotzt das grosse, moderne Hotel Savoy den Elementen (und lockt mit aus Marokko importiertem hellem Sand die Touristen an) – was für ein Gegensatz zur einfachen Behausung gleich nebenan.

Die Arbeiten im Fels beeinträchtigen auch das Leben in der Marina Calheta. Der Landzugang über die Stege ist tagsüber aus Sicherheitsgründen gesperrt; erst ab 8 Uhr abends, wenn die Arbeiter am Berg Feierabend machen, wird der Zugang geöffnet. Wenn wir an Land wollen, winken wir dem netten Marinero, der uns mit dem Marina-Dinghy übersetzt. Während der Arbeitszeiten können auch die Duschen nicht benutzt werden (die eh so heiss sind, dass man sich eher verbrüht als erfrischt, während einem die dicken Kakerlaken aus den dunklen Ecken beim Duschen zusehen), und natürlich geht einem mit der Zeit auch der ständige Lärm der Pressluftbohrer etwas auf die Nerven.

Überhaupt ist das Bereisen Madeiras per Segelboot nicht so einfach. Es gibt schlicht keine wirklich gute Marina, geschweige denn eine geschützte Ankerbucht. Calheta ist, wie gesagt, steinschlag- (und kakerlaken-)gefährdet, Funchal chronisch überfüllt und schwellig, und in der Marina Quinta do Lorde – einem Luxus-Feriendorf, das aus dem Boden gestampft wurde – kommt man sich eher wie in einer (wenn auch hübschen) Theaterkulisse vor als wie in einem richtigen Hafen. Quinta do Lorde liegt zudem in einer sehr windigen Ecke der Insel. Es versuche mal einer, in dieser Marina Wäsche aufzuhängen! In Angst um das frisch gewaschene Bettzeug springt Regula zur Belustigung des ganzen Hafens wie ein Hampelmann auf dem Deck der OKOUMÉ auf und ab, während die Fallböen gierig in die flatternden Stoffe greifen. Eine bühnenreife Vorstellung passend zum Ambiente; „all the world’s a stage“, sozusagen...

Was uns in den Häfen Madeiras jedoch für vieles entschädigt, ist die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen. Während wir in der Schweiz sind, hat das Quinta do Lorde-Team ein Auge auf unser Boot und schickt uns sogar per E-Mail Fotos und die Nachricht, dass mit unserer OKOUMÉ alles in Ordnung sei. Und in Calheta empfängt man uns auch nach Feierabend noch mit einem Lächeln im Hafenbüro.

Auch wenn die Herzlichkeit der Menschen hier viel aufwiegt, möchten wir nun wirklich gerne zu den Azoren weitersegeln. Nur das Wetter will nicht so wie wir wollen. Am 8. Juni legen wir mit Ziel Azoren von Madeira ab, kehren aber nach ein paar Stunden nach Calheta zurück, nachdem uns am Westkap der Insel anstelle der vorhergesagten 10 Knoten Nordwind deren 25 auf die Nase wehen. Wir sind verunsichert: Ist dies nur der Kompression entlang der steilen Westküste geschuldet oder hat sich der Wetterbericht derart vertan? Am nächsten Morgen konsultieren wir erneut die aktuellen Wetterdaten und sehen, dass der Wind mehr nach Westen gedreht und sich auch verstärkt hat – keine guten Voraussetzungen für einen Schlag zu den Azoren. Wir entscheiden uns, abzuwarten.

Leider bessern sich die Aussichten auch in den kommenden Tagen nicht. Im Gegenteil: Ein dickes Sturmtief zieht auf die Azoren zu. So üben wir uns halt in Geduld und lernen noch mehr über die hiesigen Insel-Weisheiten und Eigenarten. Wir wissen nun zum Beispiel, wie man in der kultigen Strandbar von Madalena do Mar den besten Preis für den Kaffee erhält, denn da gilt die folgende Preisliste, die auf der Wand hinter der Bar angebracht ist:
„Um café“ = 1 Euro
„Bom dia, um café“ = 0.80 Euro
„Bom dia, um café, se faz favor“ = 0.70 Euro
(Übersetzung: „1 Kaffee“ = 1 Euro, „Guten Tag, 1 Kaffee“ = 0.80 Euro, „Guten Tag, 1 Kaffee, bitte“ = 0.70 Euro :-) )

Bemerkenswert ist auch der Bezug der Einheimischen zu den auf ihrer Insel hergestellten Alkoholika. Im Hafenbecken der Marina Quinta da Lorde lagern dem Gerücht nach 700 Flaschen „Aguardente“, dem in Porto da Cruz hergestellten Rum (die Distillerie ist übrigens beeindruckend und hat uns an die Karibik erinnert). Der genaue Lagerort ist geheim, nicht einmal Orlando, der seit über 10 Jahren in der Marina arbeitet, weiss, wo man den wertvollen Schatz denn nun wirklich vergraben hat. Und von dem Autovermieter in Calheta erfahren wir die folgende amüsante Geschichte: Ein ortsbekannter Seemann, dessen Sohn eine Bar in Paúl do Mar betreibt, segelt zurzeit um die Welt, an Bord einige Flaschen Madeira-Wein, die erst bei seiner Rückkehr in besagter Bar geöffnet werden dürfen. So lange würden wir nicht auf den Genuss des portweinähnlichen Trankes warten wollen und kredenzen uns gleich am selben Abend noch ein Gläschen desselben.

Während wir uns also kulturell und kulinarisch in den madeirensischen Alltag vertiefen und weiterhin auf ein Wetterfenster für den Schlag zu den Azoren hoffen, folgen hier ein paar Impressionen zu unserer Zeit auf Porto Santo und Madeira:



Herzliche Grüsse
aus Calheta (Madeira),
eure OKOUMÉ-Crew
Thomas & Regula
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<![CDATA[Neue Ziele, alte Freunde – Andalusien, Tanger (Marokko), Gibraltar & retour nach Lagos]]>Sun, 05 May 2019 21:19:19 GMThttp://www.sy-balu.ch/reiseblog-sy-okoumeacute/neue-ziele-alte-freunde-andalusien-tanger-marokko-gibraltar-retour-nach-lagos


Fette Pötte...


…und pompöse Projekte
(Modell der Marina Tanger im Hafenbüro)

Was uns am Fahrtenseglerleben besonders gut gefällt, ist, dass es Neues und Altes zusammen bringt. Da besegelt man zum Teil monatelang neue Gebiete, entdeckt einem noch fremde Ziele und macht neue Bekanntschaften, und plötzlich tauchen bekannte Gesichter auf und man trifft ganz unverhofft Freunde wieder, die man schon lange nicht mehr gesehen hat. Wie schön und aufregend ist es dann, zusammen im Cockpit zu sitzen, Neuigkeiten auszutauschen und zu erfahren, was die anderen in den letzten Monaten (oder gar Jahren) so erlebt haben.

Genauso ist es uns im vergangenen Monat ergangen: Im April hat uns die Reise an viele, für uns gänzlich neue, Orte geführt. Wir sind der andalusischen Küste entlang gesegelt und haben unter anderem das reizvolle Cádiz angesteuert. Hier haben wir nicht nur einige Kilometer zu Fuss durch die geschichtsträchtigen Gassen hinter uns gebracht und am grossen Frischmarkt Tapas und Weisswein genossen, sondern beim Kreuzfahrtschiff-Terminal auch die erste (noch lebende) Kakerlake der Reise gesichtet. Vom weiter südlich gelegenen Barbate aus haben wir dann den Sprung nach Marokko gewagt und in Tanger das Tor zu Afrika betreten; für uns war dies der erste Besuch eines muslimischen Lands überhaupt. Und zwei Wochen später warfen wir vom berühmten Affenfelsen in Gibraltar einen Blick „um die Ecke“ ins Mittelmeer. Kurz entschlossen sind wir schliesslich von der Strasse von Gibraltar aus über Nacht zurück nach Lagos gesegelt, um uns in eine günstigere Position für den Törn nach Madeira zu bringen. Und wen treffen wir hier in Lagos? Nicht nur einige Segler, die wir während unseres Winteraufenthalts kennengelernt haben, sondern auch alte Freunde, mit denen wir 2011 die Hurrikansaison in der Karibik verbrachten! Insgesamt sind es Crews von 4 Schiffen, die sich hier in Lagos wieder treffen: Erika und Reini von der NORA, Horst, der nun mit der ALUA unterwegs ist, Stefan von der PAS DE DEUX, der für drei Wochen bei Horst mitfährt, und  wir, die Ex-BALUs. Das Zusammentreffen muss natürlich gefeiert werden und so gibt es den einen und anderen (längeren) Abend am Strand und in der Bar… Dazwischen lassen wir die OKOUMÉ bei der Werft Sopromar für drei Tage an Land stellen, um das Unterwasser zu kontrollieren und das Antifouling zu erneuern. Wir tragen drei Schichten in verschiedenen Farben auf: die erste Schicht in Schwarz, die zweite in Weiss und die dritte in Grau. So können wir später besser überwachen, wie viel Antifouling bereits abgetragen wurde – wenn wir „schwarz sehen“ bedeutet dies sinngemäss das baldige Ende ;-)

Seit wir wieder in Lagos sind, ist der Sommer eingetroffen. Täglich scheint die Sonne von einem wolkenlosen Himmel und es ist angenehm warm (manche würden behaupten heiss). Mittlerweile ist die Vorsaison angebrochen. Die beschaulichen Wintertage, an denen kaum Touristen durch die Gassen schlenderten und die Altstadt noch etwas verschlafen wirkte, sind vorbei. Mit grossen Autobussen werden nun massenhaft Besucher herangeschafft, die Bootstouren zu den Felsengrotten florieren und in den vielen Bars rund um die Marina rösten weisse (und bald krebsrote) Beine und Bäuche in der Sonne. Während unseres Törns von Andalusien nach Marokko und Gibraltar war dies noch ganz anders gewesen. Der April hatte uns eher kühles und nasses Wetter beschert. Trotzdem möchten wir diesen „Frühlingstörn“ nicht missen. Besonders die Woche in Tanger waren ein tolles und interessantes Erlebnis:

Am 13. April segeln wir hart am Wind bei besten Bedingungen (ca. 4 Beaufort und moderater Seegang) über die Strasse von Gibraltar. Um von Spanien nach Afrika zu gelangen, müssen wir das Verkehrstrennungsgebiet überqueren, auf dem die grossen Frachter wie auf einer Autobahn durch die Meerenge fahren. Mit Hilfe des AIS und Peilungen mit dem Fernglas geht das eigentlich ganz gut. Nur einmal müssen wir unseren Kurs etwas korrigieren und „bremsen“, damit uns ein Ungetüm von lächerlichen 290 Metern Länge nicht zu nahe kommt. Nach Passieren des Verkehrstrennungsgebiets dreht der Wind etwas und wir können mit halbem Wind direkt in die grosse Hafenanlage von Tanger segeln. Zwei Fischer winken uns zu und machen das Daumenhoch-Zeichen – ein schöner Willkommensgruss. In der nagelneuen Marina von Tanger steuern wir den Klarierungssteg an und werden von Abdellatig in Empfang genommen, der hier als Mariñero arbeitet. Er hilft uns bei der Einklarierungsprozedur, führt uns der Reihe nach zu den jeweiligen Behörden und ins Hafenbüro. Nach einer guten Stunde ist alles erledigt und wir können an unseren Liegeplatz ein paar Stege weiter vorne im Hafen verlegen, wobei uns wieder eifrige Hände mit den Leinen helfen.

Am ersten Tag fühlen wir uns noch recht fremd in der neuen Umgebung. Das Marinapersonal ist zwar sehr freundlich und hilfsbereit, die moderne Anlage mit den über 600 Liegeplätzen ist jedoch wahnsinnig pompös – und vor allem ist sie noch sehr leer. An unserem Steg liegen gerade mal drei weitere Boote, die alle unbewohnt sind. Die grosse Anlage wird trotzdem geputzt und gepflegt, was das Zeug hält. Jeden Morgen werden die Stege abgekärchert, die Abfalleimer gereinigt und die Strasse gefegt (von so etwas kann man in den spanischen Marinas entlang der Atlantikküste nur träumen). Sogar der perfekte Rasen entlang der Marina-Promenade wird ständig gewässert und in Schuss gehalten. Diesen Rasen darf man übrigens nicht betreten, sonst wird man von einem der vielen Wachmänner in gelber Weste (ja, die sorgen hier eher für Ordnung als umgekehrt!) zurückgepfiffen. Die Leute flanieren gerne über die neue Promenade, sie dürfen aber nicht über die Strasse zu den Stegen gehen, was dazu führt, dass wir uns als „Privilegierte“ etwas unwohl fühlen, wenn wir von vielen Augen beobachtet aus dem Boot klettern und uns da bewegen dürfen, wo die Öffentlichkeit ausgeschlossen ist. In der Nacht hören wir von der Koje aus, wie die jungen Männer der Oberschicht mit ihren fetten Porsches durch die Stadt rasen und ein regelrechtes Autorennen veranstalten. Auch der Ruf des Muezzin, der uns früh morgens weckt, ist für unsere westlichen Ohren noch etwas gewöhnungsbedürftig ;-)

Am zweiten Tag fühlen wir uns jedoch schon viel wohler und mit der Zeit bewegen wir uns ganz entspannt durch die Stadt. Sowohl die Nouvelle Ville (der neuere Stadtteil) als auch die Medina (die Altstadt), die im krassen Gegensatz zum herausgeputzten Marinabereich steht, haben es uns angetan. Hier betreten wir eine andere, fremde Welt, die auf uns sehr anziehend und anfangs fast überwältigend wirkt. Besonders die überdachten Märkte nahe des Gran Socco lassen uns staunen. Hier gibt es Fisch, Fleisch (inklusive Gedärme und Innereien), Fladenbrot, Gewürze in allen Farben, Gemüse, Obst, sogar Frischmilch… Der Duft, der in der Luft liegt, ist betörend, die Geräuschkulisse auch. Wir kaufen unglaublich süsse Datteln und die besten Oliven, die wir je gegessen haben. Regula kommt auch wieder zu ihren mittlerweile so geliebten Orangen für das Zmorge-Müesli.

Obwohl wir gelesen haben, dass man es auch als Touristen vermeiden sollte, in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten auszutauschen, sehen wir wiederholt einheimische Paare Hand in Hand vorüberschlendern. Die Frauen kleiden sich auffallend modisch (manchmal auch sehr körperbetont) und viele sind auch geschminkt. Etwa 80% tragen ein Kopftuch. Wir treffen auch immer wieder auf Frauengruppen, die ohne Männer unterwegs sind oder abends lachend und entspannt im Kaffee zusammensitzen. Viel Haut sieht man aber wirklich nicht, sogar die Männer tragen meist lange Hose und Hemd.

Wir müssen diesen (etwas eilig heruntergeschriebenen) Bericht hier nun beenden, denn die Zeit läuft uns leider davon. So wie es aussieht, werden wir morgen von Lagos ablegen, um nach Porto Santo (Madeira) zu segeln. Ca. 4 Tage werden wir unterwegs sein (das Herz klopft schon ziemlich schnell beim Gedanken daran) und es gibt noch einiges aufzuräumen und festzuzurren, bevor wir morgen abfahren können… Die Fotos zu Marokko und Andalusien werden wir später „nachliefern“ :-)



Ciao und herzlichi Grüess us Lagos
Thomas & Regula

13. Mai 2019:
Inzwischen sind wir in Porto Santo eingetroffen. 4 Tage und Nächte hat die Überfahrt gedauert. Wie erwartet, hatten wir recht wenig Wind, dafür aber auch keine allzu hohen Wellen. Weil der Wind während der ersten 3 Tage mehrheitlich aus West wehte, mussten wir einen kleinen Umweg machen und zuerst hart am Wind südwestwärts segeln. Als der Wind schliesslich nach Norden drehte, konnten wir unseren Kurs ändern und direkt auf Porto Santo zu halten. Dazwischen hatten wir auch einige Zeit lang Flaute und mussten motoren. Insgesamt haben wir 506 Seemeilen zurückgelegt. Immer wieder hatten wir Besuch von Delfinen, sahen am ersten Tag einen Wal (Buckelwal?) und am dritten Tag sind wir dutzenden Schildkröten begegnet, die an der Meeresoberfläche in Richtung Afrika trieben (eine hätten wir beinahe überfahren – zum Glück hat sie doch noch rechtzeitig den Kopf eingezogen). Auch Quallen konnten wir an jenem dritten Tag viele beobachten, sie sahen aus wie kleine Portugiesische Galeeren.

Wie schön ist es, wieder hier in Porto Santo zu sein! 9 Jahre ist es her, seit wir mit der BALU die ca. 30 Seemeilen von Madeira entfernte Insel besuchten. Auf den ersten Blick hat sich nicht viel verändert, noch immer scheint der Insel-Rhythmus gemächlich und authentisch. Wir freuen uns sehr, während der nächsten Tage die Insel „wiederzuentdecken“. In der Zwischenzeit folgen nun hier die versprochenen Fotos zu Andalusien, Marokko und Gibraltar.

Villi sunnigi Grüess usem Summer vo oiere OKOUMÉ-Crew, Thomas & Regula :-)
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<![CDATA[Bye bye Lagos - wir sind wieder unterwegs!]]>Tue, 02 Apr 2019 14:57:54 GMThttp://www.sy-balu.ch/reiseblog-sy-okoumeacute/bye-bye-lagos-wir-sind-wieder-unterwegs



Under the bridge
Die Winterpause ist vorbei! Am 10. März lösen wir nach über 4 Monaten in der Marina von Lagos die Leinen. Der Abschied von den vielen netten Menschen, die wir hier kennengelernt haben, fällt uns nicht leicht und so ist es bereits Mittag, als sich die Fussgängerbrücke für uns öffnet und wir die OKOUMÉ unter einem wolkenlosen Himmel in die Hafenausfahrt steuern. Viele der Segler, die wie wir in Lagos den Winter verbracht haben, zieht es ins Mittelmeer; einige wollen (oder müssen) zurück in den Norden, andere haben sich die Kanaren zum Ziel gesetzt. Ob wir sie jemals wiedersehen? Unser Plan ist es (so die Wettergötter wollen), für den Sommer zu den Azoren zu segeln. Da es nun noch etwas zu früh in der Saison ist für den Schlag zu den ca. 1300 Kilometer vom portugiesischen Festland gelegenen Inseln, haben wir vor, zuerst der portugiesischen und spanischen Südküste entlang ostwärts zu segeln und eventuell noch einen Abstecher nach Marokko zu machen, bevor wir den Kurs dann wieder westwärts richten. Die südliche Algarvenküste und Andalusien sind für uns Neuland und Namen wie Culatra und Rio Guadiana locken – als los!

Unser erstes Ziel ist die ca. 20 Meilen von Lagos entfernte Marina von Albufeira, die wir nach einem gemütlichen Segeltag am späteren Nachmittag erreichen. Am Empfangssteg steht ein unangenehmer Schwell und die OKOUMÉ schwankt bedenklich hin und her, während wir im Hafenbüro die Formalitäten erledigen. So sind wir froh, dass wir nach Erledigung des Papierkrams zügig an den zugewiesenen Liegeplatz im Hafeninnern verlegen können. Die Marina liegt, wie wir erwartet haben, in einer Retorten-Überbauung, die Wohnungsanlagen und Villen rund ums Hafenbecken erinnern an farbige Legoklötzchen. Trotzdem ist es hier gar nicht so schlimm wie erwartet ;-) Einmal weg vom Einfahrtskanal liegt man gut geschützt und nach Westen hin hat man sogar einen Blick ins Grüne. Jetzt im März ist in den vielen Bars und Restaurants entlang der Marina noch nicht viel los und die Abende sind ruhig.

Die Altstadt von Albufeira ist in etwa 15 Minuten zu Fuss zu erreichen. Das Zentrum ist sehr touristisch; wenn man sich etwas bemüht, bietet sich einem aber auch immer wieder ein Blick in enge und beschauliche Seitengässchen und man entdeckt noch ruhige, ursprüngliche Ecken. Irgendwie erinnert uns die Stadt an Boca Chica in der Dominikanischen Republik (das wir während unserer ersten Segelreise mit der BALU besucht hatten), denn vielerorts sind die Fassaden ruinös, die Strassen werden aber „gut verkauft“. Überall sind nette Kaffees, Bars und Touri-Shops und die gröbsten Bausünden verstecken sich hinter blühenden Büschen, Palmen und Mandelbäumen.

Da es in den Nächten recht windig ist, bleiben wir etwas länger als geplant in der geschützten Marina von Albufeira, denn unser nächstes Ziel ist das Ankerfeld vor der Insel Culatra und wir möchten nicht gleich die ersten Nächte vor Anker bei unruhigen Bedingungen verbringen.  Am 14. März stehen die Zeichen nicht schlecht. Wir müssen zwar gegen einen Südostwind von 3-4 Beaufort ankreuzen, kommen aber gut voran und die Sonne lacht, wie immer, von einem wolkenlosen Himmel. Als wir die Ansteuerung in den Ria Formosa erreichen, fällt der Wind zusammen, die Passage über die Barre gestaltet sich problemlos und wir motoren mit der Flut durch das bestens betonnte Fahrwasser. In der Praça Larga nördliche der Insel Culatra lassen wir den Anker fallen. Neben uns liegen hier lediglich noch 10 weitere Boote. Wie wir gehört haben, sollen in der Hochsaison bis zu hundert Boote das Ankerfeld bevölkern…

Wir verbringen ein paar traumhafte Tage vor Anker. Das Wetter spielt mit und es ist fast schon sommerlich warm. Wir können sogar draussen zu Abend essen und auch draussen duschen. Nachts bestaunen wir durch die Salonfenster auf der einen Seite die Lichter der Stadt Olhão und auf der anderen Seite das Leuchtfeuer am Kap Santa Maria. Nur fürs Schwimmen ist es uns noch zu kalt (Thomas braucht ja bekanntlich ein Minimum von 25 Grad und auch für Regula sind die 16-17 Grad Wassertemperatur noch an der Schmerzgrenze). Gewöhnungsbedürftig ist auch, dass die Wassertaxis und kleinen Fischerboote immer mit Vollgas über die Bucht brausen – besonders gerne tun sie dies frühmorgens und am liebsten möglichst knapp zwischen den Ankerliegern hindurch… Am zweiten Tag ankern wir etwas weiter hinten in der Bucht, wo es in dieser Hinsicht merklich ruhiger ist.

Wiederholt fahren wir mit dem Dinghy zur Ilha Culatra, die ein entspanntes Laisser-aller ausstrahlt. Beim Spaziergang um die gerade mal 7 km lange und 1 km breite Insel schaffen wir es tatsächlich uns zu „verlaufen“. Dem Südstrand entlang schlendern wir bis zum hübschen Dörfchen Farol, wollen aber retour nicht den gleichen Weg gehen und versuchen es dem Nordufer entlang. Ganz offenbar ist dies nicht so vorgesehen, denn kurz vor dem Ziel hört der flache Strand plötzlich auf und wir müssen uns den Weg durch ein unübersichtliches Sumpfgebiet bahnen. Zweimal bleibt Thomas mit den Flipflops im klebrigen Schlamm stecken. Anschliessend klettern wir einem abgesperrten Areal (Militär?) entlang über glitschige Steine und niedriges Dornengebüsch, bis wir schliesslich auf einen tiefen Sandpfad stossen… Als wir endlich das Dorf vor unserem Ankerplatz erreichen, gönnen wir unseren zerkratzen und dreckbespritzen Beinen eine Pause und unseren Mägen in einem sympathischen Lokal beim Fährensteg einen feinen „Robalo“ (Wolfsbarsch) vom Grill – und natürlich ein Gläschen portugiesischen Weisswein dazu, mmmh!

Gut 30 Meilen sind es von unserem Ankerplatz bei der Ilha Culatra bis zur Einfahrt in den Rio Guadiana, dem portugiesisch-spanischen Grenzfluss, den wir als nächstes ansteuern wollen. Um die Barre in den Fluss bei Hochwasser zu passieren, gehen wir am 18. März im ersten Tageslicht ankerauf. Der Plan geht auf und wir machen kurz nach 1 Uhr am Gästesteg des Hafens in Vila Real de Santo Antonio fest. Vila Real hat für uns etwas Merkwürdiges, einerseits gefällt es uns und irgendwie auch nicht. Der Ort wirkt zwar authentisch und ungekünstelt, ist aber durch den Aufbau als „Square-Ville“, in unseren Augen, etwas öde. Die Stadt wurde durch ein Unwetter 1755 total zerstört und in nur 5 Monaten nach dem Muster eines Schachbretts neu erbaut. Täglich kommen (meist ältere) spanische Touristen mit der Fähre nach Vila Real hinüber, wo sie, so scheint es, vor allem eines interessiert, nämlich der Kauf von Frotteetüchern und Tischdecken. Jedes zweite Geschäft in der Hauptgasse bietet diese Stoffwaren an.

Wir wollen eigentlich weiter, flussaufwärts bis zum ca. 20 Meilen entfernten Alcoutim, sind aber wegen der ominösen „International Bridge“, die den Fluss überspannt und die es zu passieren gilt, etwas nervös. Man müsste ja eigentlich meinen, so etwas Simples wie die Durchfahrtshöhe dieser Brücke in Erfahrung bringen zu können. Die Sache scheint aber nicht so einfach. Das Imray-Pilotbook spricht erst von einer Höhe von 20 Metern bei Hochwasser und 23 Meter bei Niedrigwasser („or so“). In einem Update meinen die Autoren jedoch, diese Angaben seien, wie es sich herausgestellt habe (!), etwas optimistisch; die tatsächliche Durchfahrtshöhe würde eher nur 18 Meter bei „Mean See Level“ betragen. Unserer Karte und dem Plotter entnehmen wir auch 18 Meter Durchfahrtshöhe. Gemäss den üblichen Werten müssten sich diese Angaben eigentlich auf das höchste je gemessene Hochwasser beziehen, aber wollen wir dem vertrauen? Unsere Masthöhe ist 17,4 Meter, wobei noch ca. 1,5 Meter für die Antenne hinzukommen… Im Marinabüro kann man uns leider auch nicht weiterhelfen, die Dame am Computer weiss auch nicht mehr als wir. Doch wie es der Zufall will, treffen wir in Vila Real die CARMEN wieder, eine RM1270 (unser nächstgrösseres Schwesterboot), die wir von La Rochelle her kennen. Antonio, der Inhaber, hat die Brücke schon mehrmals passiert. Er meint, bis zu 1 Meter über Kartennull sei die Durchfahrtshöhe für seine RM1270, deren Mast knapp 2 Meter höher ist als der der OKOUMÉ, kein Problem. Das beruhigt uns ungemein ;-)

Am 22. März legen wir bei Slack-Niedrigwasser in Vila Real ab und fahren möglichst vorsichtig und mit angehaltenem Atem unter der Brücke hindurch. Es ist Springzeit (der Tidenhub beträgt ca. 3 Meter) und wir haben bei diesem Wasserstand wohl noch gut 2 Meter Reserve nach oben, wobei dies vom Schiff aus ja immer sehr schwer zu schätzen ist. An den Brückenpfeilern finden gerade Arbeiten statt. Vergeblich versuchen wir, die Aufmerksamkeit der Arbeiter auf uns zu lenken, um ein Daumenhoch zu erhalten. Leider jedoch scheinen die Männer in Orange unseren Zuruf „Està bem??“ und unsere diversen Handzeichen nicht zu verstehen… Aber die Durchfahrt klappt dann ja auch so.

Die Fahrt mit der Flut den Fluss hoch ist entspannt und beschaulich. Der Strom schiebt uns zwar mit bis zu 2,5 Knoten, das Fahrwasser ist aber recht breit und auch bei Niedrigwasser tief genug (wir messen nie unter 3 Meter Wassertiefe). In Alcoutim finden wir einen idyllischen Platz am Besuchersteg. Gegenüber, auf der anderen Flussseite, schmiegen sich die weissen Häuschen des spanischen Ortes Sanlúcar de Guadiana in die sanfte Hügellandschaft. Eine Fussgängerfähre verkehrt regelmässig zwischen den beiden Städtchen (beziehungsweise dann, wenn der Fährmann nicht gerade in der verlängerten Mittagspause weilt). Die Fahrt hin und zurück ist mit Euro 2,50 bezahlbar. Etwas verwirrend ist bloss, dass diesseits und jenseits des Flusses eine andere Zeitzone gilt. Wenn die Kirche in Alcoutim 7 Uhr schlägt, doppelt die Glocke drüben in Spanien mit 8 Schlägen nach.

Unser Liegeplatz im Rio Guadiana hat aber auch einen Nachteil: Im starken Gezeitenstrom treibt viel Holz flussauf und -ab. Teilweise sehen wir ganze Flösser von Bambus und auch beträchtliche Äste und gar Baumstämme vorbeiziehen. Die grösseren Holzstücke poltern recht laut, wenn sie unter dem Bootsrumpf durchrugeln (natürlich auch mitten in der Nacht). Eines Tages entdecken wir einen grossen treibenden Baum neben unserem Steg. Mit Hilfe des Fährmannes, eines älteren Holländers, der seit 15 Jahren in Alcoutim lebt, ziehen wir den schweren Koloss ans Ufer und befestigen ihn mit Seilen, damit er nicht wieder in den Fluss abtreibt. Zwei Tage später nimmt sich die örtliche Feuerwehr des Ungetüms an. Leider fällt bei der Bergung ein grosses Stück Stamm wieder zurück ins Wasser…

Inzwischen haben wir, nach einem mehrtägigen Abstecher ins lebhafte und reizvolle Ayamonte, den Rio Guadiana wieder verlassen und Mazagón in der Bucht von Huelva erreicht. Davon dann aber mehr im nächsten Bericht; nur eines vorweg: Obwohl wir erst seit Kurzem der spanischen Küste entlang reisen, haben wir uns, zumindest in einer Hinsicht, schon an die örtliche Lebensweise angepasst. Weil inzwischen auf Sommerzeit umgestellt wurde, sind uns gleich 2 Stunden gestohlen worden. Noch vor einer Woche – in der Winterzeit – lebten wir in Portugal nach UTC, hier in Spanien gilt nun jedoch UTC +2 (UTC +1 Ortszeit plus eine Stunde für die Sommerzeit). Wenn wir also nach unserer „alten“ Zeit um etwa 19 Uhr den Tisch für das Abendessen decken, ist es nach lokaler Zeit bereits 21 Uhr, also die typische Essenszeit für spanische Verhältnisse.

Während wir uns also langsam wieder an die spanischen Umgangsformen gewöhnen (und halt doch Portugal noch etwas nachtrauern), wünschen wir euch viel Spass mit den Fotos zu diesem Bericht.

P.S.: Wem nach diesem Beitrag der Kopf schwirrt vor lauter Wasserstand- und Durchfahrtshöhe-Berechnungen, und wer das Festland vermisst und besonders die Bergwelt, dem empfehlen wir den folgenden Blog über eine aufregendes Reiseprojekt zu Land:
https://lesrandonneurs.jimdofree.com/

Schiff ahoi us Andalusie :-) Eui Thomas & Regula
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<![CDATA[Lagos Teil 3: Ein Fondue kommt selten allein]]>Tue, 26 Feb 2019 15:28:27 GMThttp://www.sy-balu.ch/reiseblog-sy-okoumeacute/lagos-teil-3-ein-fondue-kommt-selten-allein




Ein entspannter Abend...










…ist umso schöner nach einem aktiven Tag an der Sonne.
Seit einem halben Jahr wohnen wir nun schon an Bord unserer OKOUMÉ. Die Entscheidung für diesen Lebensstil haben wir bisher nicht bereut, im Gegenteil. Wir haben vielmehr das Gefühl, dass unser Leben freier und gleichzeitig „einfacher“ geworden ist. Der Lebensraum auf unserem Boot ist überschaubar; der Stauraum ist in unseren Augen zwar grosszügig, im Vergleich zum Platz in einer Wohnung oder gar einem Haus in der Schweiz jedoch sehr begrenzt. Doch genau das gefällt uns. Es tut uns gut, uns auf das Wesentliche zu beschränken. All die Dinge, die wir vor Antritt der Reise verschenkt und verkauft haben – wir vermissen sie nicht; wir haben eher das Gefühl, nun mehr Raum zum Atmen zu haben. Wir fühlen uns ungebunden, beweglicher.

Zugegeben, der Verzicht auf gewisse Sachen macht unser Leben auch in einem anderen Sinn „einfacher“. Unsere Nasszelle, zum Beispiel, misst lediglich etwa 1,5 m2. Man kann sich darin gerade mal um die eigene Achse drehen und wenn man vom Klo (das, wie die meisten Bordtoiletten, eher für magere Hinterteile bemessen ist) aufsteht, muss man aufpassen, dass man sich an der Deckenschräge nicht den Kopf stösst. Das Lavabo hat einen ausziehbaren Wasserhahn und wir können, wenn es sein muss, auch in der Nasszelle duschen, doch meist schreckt uns der Aufwand ab, anschliessend die Wände und den Boden aufzuwischen und zu trocknen. Vor Anker in tropischen Regionen ist die Körperpflege einfacher: Man seift sich ein, springt ins angenehm temperierte Meer, spritzt sich anschliessend mit der Heckdusche mit Süsswasser ab und lässt die Haut von der Sonne trocknen; herrlich!

Da diese Methode während der Wintermonate in europäischen Marinas nicht gut anzuwenden ist, bevorzugen wir es, in dieser Zeit die Sanitäranlagen der angelaufenen Häfen zu benutzen. Hier in Lagos sind die Dusch- und WC-Bereiche glücklicherweise sehr annehmbar. Die Anlagen sind grosszügig und werden regelmässig gereinigt. Zudem sind die Duschen funktionstüchtig und spenden genügend, und vor allem auch heisses, Wasser, was, wie wir mittlerweile zur Genüge feststellen mussten, nicht selbstverständlich ist. In manchen Marinas dauert das Duschen ewig und ähnelt einem Zirkusakt, zum Beispiel wenn anstelle eines anständigen Wasserstrahls nur ein spärliches Rinnsal von der Brause tropft. In spektakulären Verrenkungen ist man dann darum bemüht, allen Körperteilen ein wenig Wasser zukommen zu lassen und das klebrige Duschgel auch an Beinen und Füssen wieder loszuwerden. Gleichzeitig möchte man sich nicht zu sehr an die – oft an Reinlichkeit zu wünschen übrig lassenden – Wände der Duschkabine anlehnen… Manchmal ist auch einiges an Kreativität gefragt, was das Aufhängen der Kleider angeht, besonders, wenn weder Haken noch Ablageflächen vorhanden sind. Am besten verstaut man sie möglichst wasserfest in einer Badetasche, denn die Duschen sind oft so angelegt, dass am Schluss nicht nur der Körper abgespritzt, sondern auch die Umkleidezone triefend nass ist. Oder der Abfluss ist verstopft und man balanciert während dem Einseifen auf dem dünnen Duschwannenrand, um nicht in die undefinierbare Wasserpfütze treten zu müssen. Manchmal denkt man da schon sehnsüchtig an die eigene Dusche in der warmen Wohnung zurück…

In der Marina von Lagos ist dies alles, wie gesagt, zum Glück kein Thema. Wobei die Männer kürzlich etwas Pech hatten, oder besser gesagt, Glück im Pech. Seit drei Wochen ist der Heisswasserboiler in den Männerduschen defekt und die Reparatur scheint kompliziert zu sein. Die Zwischenlösung sah vor, dass die Männer nicht nur während gewissen Zeiten die Frauenduschen, sondern auch den Spa-Bereich des nahen Viersternehotels nutzen durften, bis die Frauen schliesslich rebellierten. Nun ist die Regelung wie folgt: Die Frauenduschen gehören wieder den Frauen allein und die Männer suhlen sich „nur“ noch im Hotel-Spa, wo, wie man hört, eine hübsche junge Blondine frische Handtücher ausgibt. Es könnte wohl schlimmer sein.

Wenn wir schon bei den Sanitäranlagen sind: Ein verwandtes Thema, nämlich der morgendliche Gang zur Toilette, ist auch nicht zu unterschätzen. Nicht alle Segler sind so hart gesotten, dass sie ihr Geschäft unter allen Umständen verrichten können. Manchmal benötigt man dazu einfach etwas Ruhe und Privatsphäre. Georg Danzer lässt grüssen (wer seine legendäre Klogeschichte noch nicht kennt: https://www.youtube.com/watch?v=bDZLl-Sd5GY). Wenn in den Sanitäranlagen ein ständiges Kommen und Gehen herrscht oder wenn die Putzfrau genau im ungünstigsten Moment in der Nachbarkabine herumzuwuseln beginnt, gestaltet sich die nötige Entspannung etwas schwierig. Auch sollte man für den Weg vom Boot zur Hafentoilette genügend Zeit einplanen, denn es besteht die akute Gefahr, dass man unterwegs verschiedenen bekannten Gestalten begegnet, die alle zu einem ausgiebigen Schwatz aufgelegt sind.

Mit der Zeit jedoch entwickelt man so seine Tricks und Routinen, nicht nur, was den Besuch der Sanitäranlagen angeht, sondern auch, um die Verdauung in Schwung zu halten. Regulas Tipp hierzu: morgens eine Tasse Haferflöckli mit Joghurt und einem Apfel oder einer frischen Orange essen (zumindest im Hafen, auf See fördern Milchprodukte manchmal auch die Seekrankheit). So halten sich die Probleme für sie in Grenzen, obwohl sie erst kürzlich lernte, dass der Spruch mit dem Apfel pro Tag ja eigentlich noch weiter geht. Es heisst nicht nur „an apple a day keeps the doctor away“, sondern auch, „but if the doctor is cute, forget about the fruit“. So relativiert sich die Angelegenheit wieder. Thomas hatte ja schon auf der letzten Reise die Erfahrung gemacht, dass insbesondere die Zahnärztinnen in Portugal ausnehmend hübsch sein können.

Apropos Verdauung: Vor kurzem waren wir für 2 Wochen in der Schweiz, um Familie und Freunde zu besuchen. Wir lieben ja Käse und mögen natürlich auch ein feines Käse-Fondue. Wir hatten zwar einiges an Nachholbedarf, aber man kann es auch übertreiben. Nachdem wir an drei Abenden hintereinander (!) mit einem Fondue verwöhnt wurden, fühlten sich unsere Mägen an wie Betonklötze. Vielleicht hätten wir doch besser vorgängig mit unseren Gastgebern die Menuplanung absprechen sollen… Nichtsdestotrotz haben wir es uns nicht nehmen lassen, uns in der Schweiz grosszügig mit Gruyère, Appenzeller und Vacherin einzudecken. Zurück an Bord der OKOUMÉ luden wir – nach einer gewissen Schonzeit für unsere Mägen – die Crews der IMAGINE und NARUA zu einem traditionellen Fondue ein und genossen in fröhlicher Runde einen kunterbunten franco-schwedisch-schweizerischen Abend. Nebenher lernten wir noch einige schwedische und französische Volkslieder kennen, denn in Schweden ist es Tradition, vor jedem Schluck Schnapps – in unserem Fall Kirsch – ein Lied zu singen, und unsere schwedischen Gäste waren in dieser Hinsicht sehr streng.

Um auf die Enge auf einem Boot zurückzukommen: Ja, Platz und Zuladung auf unserem leichten, knapp 11m langen Schiff sind begrenzt, und ja, wir haben trotzdem ein Fondue-Caquelon aus Gusseisen (und natürlich auch richtige Weingläser) an Bord. Auf gewisse Dinge mögen wir dann doch nicht verzichten. Wegen des Caquelons kommen wir uns manchmal vor wie Wilfried Erdmanns Schwiegermutter. In seinem Buch Segeln mit Wilfried Erdmann meint der berühmte Fahrtensegler, der für das Einfache an Bord und eine Ausrüstung ohne Firlefanz eintritt: „Wer wie meine Schwiegermutter (Atlantikseglerin) mit Motorrad, Plattenspieler, Geflügelschere und  Fonduetopf an Bord reist, wird immer ein zu kleines Schiff haben.“ Immerhin können wir auf erste drei Dinge gut verzichten (wobei ein Plattenspieler an Bord natürlich schon stylisch wäre) ;-)

Eigentlich sollte dieser Beitrag ja von den Arbeiten handeln, die wir während der Zeit hier in Lagos an unserem Boot vorgenommen haben. Irgendwie hat sich die Berichtschreiberin wieder einmal von Nebenerscheinungen (wie Essen und Trinken) ablenken lassen. Um euch nicht noch länger mit barem Text zu langweilen und weil sich der Bereich Technik an Bord sowieso besser mit Hilfe von Bildern schildern lässt, widmen wir unsere Fotostrecke dieses Mal einfach diesem Thema. Für alle, die es interessiert: viel Spass damit, und bis demnächst! Übrigens: Nach einigem Hin und Her steht nun unsere Routenplanung für die nächste Saison, zumindest in groben Zügen. Im März und April wollen wir der Algarvenküste entlang ostwärts segeln und eventuell einen Abstecher nach Marokko machen. Anschliessend heisst das grosse Ziel für den Sommer: Madeira und die Azoren. Wir sind gespannt, ob sich dies verwirklichen lässt und werden euch davon berichten.

So long, herzliche Grüsse aus Lagos, Thomas & Regula
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<![CDATA[Lagos Teil 2: Frühlingsgefühle im Januar]]>Thu, 24 Jan 2019 15:11:20 GMThttp://www.sy-balu.ch/reiseblog-sy-okoumeacute/lagos-teil-2-fruehlingsgefuehle-im-januar




Wonnemonat...








...Januar :-)

Wie wir hören, versinkt die Schweiz zurzeit im Schnee und die Temperaturen sind so richtig winterlich. Für Januar ist das ja nicht untypisch. Hier in der Algarve hingegen haben wir zuweilen das Gefühl, der Frühling halte schon Einzug: Die Wiesen erstrahlen im saftigen Gelb des blühenden Sauerklees, und der Eukalyptus und die Mandelbäume tragen schon die ersten, weissen Blüten. Wenn man ein paar Meter in die „Höhe“ steigt und die Hügellandschaften westlich von Lagos durchstreift, bietet sich einem ein bezauberndes Schauspiel von wilden kleinen Blumen -  Farbtupfer in rot, blau, violett und weiss, im frischen Schatten der Pinien und Korkeichen. „Winterlich“ muten lediglich die vor reifen Früchten strotzenden Orangen- und Mandarinenbäume an. Die Zitrusfrüchte schmecken hier viel besser und intensiver als in Nordeuropa (wo die Früchte ja oft erst halbreif angeliefert werden): Jeden Samstagvormittag decken wir uns am Wochenmarkt in Lagos mit Obst und Gemüse ein und schwelgen in saftigen Orangen und unglaublich süssen Mandarinen.

Der Gemüsemarkt in Lagos ist wirklich ein Erlebnis: Dicht an dicht reihen sich die Stände aneinander, Einheimische und Touristen gleichermassen drängen sich durch die engen Gassen zwischen Brot, Broccoli, Feigen, Lauch, Guetzli, Tomaten, Honig, Karotten, Zitronen, Koriander, Chuchu, Äpfeln, Piri-Piri, Orangen… Der Markt ist – trotz der Konkurrenz der vielen grossen Supermärkte wie Pingo Doce, Continente, Intermarché oder auch Aldi und Lidl, die es in Lagos quasi an jeder Ecke gibt – wirklich gut besucht. Aber selbst wenn sich vor dem Stand eine lange Schlange (beziehungsweise ein dichtes Gewusel) bildet, nehmen es die meist älteren Gemüsebauern gelassen; für einen Schwatz mit der Kundschaft ist immer Zeit. Und auch der ambitionierte Portugiesisch-Lernende kommt hier nicht zu kurz: Aus dem zahnlosen Murmeln der betagten Verkäuferin herauszuhören, ob der Sack Zwiebeln nun sessenta (gesprochen „s’senta“) oder setenta (gesprochen „s’tenta“) Eurocents kostet (sechzig beziehungsweise siebzig Cents), kann recht anspruchsvoll sein… Das Lächeln nach dem Obrigada (portugiesisch für „danke“) ist dafür immer gratis.

Das einzige, was uns beim Besuch des Marktes nachdenklich stimmt, ist die leichtfertige Verwendung von Einweg-Plastikbeuteln. Nicht nur in Portugal, auch schon in Spanien ist uns aufgefallen, wie achtlos vielerorts damit umgegangen wird. Beim Einkauf von Gemüse und Obst wird jedes Produkt in einen separaten Plastikbeutel gesteckt, und die einzeln verpackten  Lebensmittel am Schluss nochmals in einem grösseren Plastiksack zusammengefasst. In Afurada (bei Porto) sah das Marktareal am Ende des Tages wirklich traurig aus: Plastiksäcke lagen verstreut auf dem Boden, wohin man auch sah. Und spätestens mit dem nächsten Windstoss wurden sie in den Douro – und somit ins Meer – befördert. Wir sind ja sicherlich auch nicht die Vorzeige-Ökos, aber wir versuchen zumindest, beim Einkaufen auf dem Markt auf Plastikbeutel zu verzichten. Stattdessen nehmen wir unsere wiederverwertbaren, waschbaren Gemüsesäckli aus Leinen (erstanden in der Migros) und ernten meist erstaunte Blicke, aber auch immer wieder positives Feedback von den Marktfrauen.

Die Umweltverschmutzung, und insbesondere die Kontamination der Meere, stimmt uns wirklich nachdenklich. Die Situation scheint uns im Vergleich zu unserer ersten Segelreise vor 8 Jahren um einiges schlimmer geworden zu sein. Schon damals hatte uns der im Meer treibende Unrat betroffen gemacht; jetzt aber finden wir wirklich keinen einzigen Strand mehr (und hier in der Algarve gibt es eine Menge wunderschöner Buchten und Strände), auf dem das letzte Hochwasser nicht eine lange Spur an Plastikpartikeln hinterlassen hat. Die Verwendung von Mehrwegbeuteln, eine Massnahme, die so einfach umzusetzen ist (!), und hie und da ein von den hiesigen Seglern organisierter Beach-Cleanup sind zwar sicherlich nicht die Lösung aller Probleme, setzen aber zumindest ein Zeichen.

Was für eine Schande die Verschmutzung der Umwelt ist, wird hier in der westlichen Algarve besonders deutlich, hier, wo steile Klippen majestätisch in den azurbauen Himmel ragen, Basstölpel über glasklarem Wasser ruhig ihre Kreise ziehen und sonnengewärmte Felsen zum Verweilen und Träumen einladen. Die Landschaft ist einfach wunderschön – immer wieder entdecken wir neue Uferwege durch ein Postkarten-Idyll, zum Beispiel in Arrifana oder Monte Clerico an der Westküste Portugals.

Aber auch das Landesinnere Portugals gefällt uns sehr: Anfangs Januar mieten wir für eine Woche ein Auto und fahren über Évora bis ins Douro-Tal hinauf. Nach zwei Tagen im Norden geht es wieder südwärts; wir machen einen Abstecher ins spanische Sevilla und kehren schliesslich in gemütlicher Fahrt durch die Algarve nach Lagos zurück. Die terrassenartig angelegten Weinberge im „Alto Douro“ – ein UNESCO-Weltkulturerbe – haben es uns besonders angetan, auch wenn wir hier beim nächtlichen Spaziergang zum Restaurant erbärmlich frieren und morgens das Eis von der Windschutzscheibe des Mietwagens kratzen müssen. In den steilabfallenden, engen Strassen, die sich durch das noch schattige und teilweise im Nebel liegende Tal winden, versuchen wir, mehr oder weniger erfolgreich, den Gedanken daran zu verdrängen, dass unser in der milden Algarve gemieteter Opel Corsa sicherlich noch nie mit einem Winterreifen in Berührung gekommen ist.

Schliesslich lichtet sich jedoch der Nebel, die Sonne bricht durch und taucht die traumhaften Rebberge in mildes Licht. Unser Weg führt der berühmten N222 entlang. Hier sind sie alle, die grossen Weinberge von Taylor‘s, Croft, Ferreira und Co. Aus den Trauben, die hier wachsen, wird der berühmte Portwein hergestellt. Da wir bei unserem Aufenthalt in Porto bereits einiges an Portwein gekostet und über dessen Herstellung gelernt haben, interessieren wir uns dieses Mal eher für den „normalen“ Wein, der hier ebenfalls angebaut wird (meist etwas weiter oben im Tal) und dessen Qualität uns schon seit Längerem überzeugt hat. Wir besichtigen einerseits die bekannte Quinta do Seixo von Sandeman, andererseits die vergleichsweise winzige Quinta do Monte Travesso in Tabuaço, deren Wein uns am Vortag beim Abendessen so gut geschmeckt hat. Welch ein Gegensatz: Das Gut von Sandeman ist riesig und auf viele Touristen eingestellt. Für die Weinprobe fährt man mit einem Lift in den unteren Stock. Amüsanterweise hat man vergessen, im Gang das Licht anzumachen! Als die Lifttür aufgeht, tappen wir im Stockdunkeln den Gang auf und ab, und finden den Weg schliesslich nur mithilfe der Handy-Taschenlampe. Der helle, modern eingerichtete Degustationssaal wirkt dann wieder luxuriös und etwas kühl, die Aussicht ist allerdings atemberaubend – von hier aus überblickt man das ganze Tal – und das Personal ist freundlich und zuvorkommend.

Die Quinta do Monte Travesso hingegen ist ursprünglich und ungekünstelt. Die Ruhe, die über diesem Weinberg liegt, ist unglaublich. Nur sanftes Vogelgezwitscher dringt von weit her über die Reben an unser Ohr. Die Besitzer der Quinta – José und seine Frau - sind um die 70 und führen das Gut in der fünften Generation. Sie zeigen uns spontan ihr 150 Jahre altes Haus, das in unseren Augen eine Art lebendiges Museum ist, und sogar eine eigene kleine Kapelle besitzt. In der geräumigen Küche wurde bis vor kurzem noch über offenem Feuer gekocht… José zeigt uns auch die Wein-Lagerräume samt Etikettier- und Verkorkungsmaschine, wo die Flaschen einzeln, noch immer von Hand eingelegt werden. José beschäftigt auf seinem Weingut lediglich 3 Frauen. Wie er schmunzelnd erzählt, verlasse er sich gerne auf den weiblichen Fleiss. Wir sind beeindruckt, wie das ältere Paar hier lebt: Im Winter in der eisigen Kälte (lediglich ein Raum wird spärlich mit einem Cheminée beheizt), im Sommer in der glühenden Hitze, wobei die dicken Steinmauern sicherlich für etwas Kühle sorgen. Wir kaufen eine Kiste Reserva-Wein und werden noch mit einem süffigen Schluck Portwein und einer Flasche Olivenöl beschenkt. So ein schöner Besuch, und was für ein Glück, diese Quinta gefunden zu haben!

Wenn man diesen Blogeintrag liest, könnte man meinen, wir seien mit dem Abarbeiten unserer To-do-Liste keinen Schritt weitergekommen. Das täuscht jedoch! Zwischen all den Vergnügungen haben wir nun doch auch das eine oder andere am Boot erledigt. Unter anderem haben wir uns, nach langem Hin- und Herüberlegen, dazu entschieden, einen „Windpiloten“ – einen rein mechanisch arbeitenden Autopiloten mit Windfahne – anzuschaffen. Davon berichten wir jedoch im nächsten Beitrag und belassen es für dieses Mal bei den rein hedonistischen Fotos ;-)

P.S. Die beiden jungen Franzosen an unserem Steg sind inzwischen Eltern geworden! Wir haben den grossen Moment jedoch knapp verpasst: Das Baby – ein Junge – kam einen Tag vor Ende unserer Mietwagen-Tour zur Welt. Zum Glück ist alles gut gegangen und Kind und Mutter sind trotz 14 Stunden Wehen (nach einer gewissen Erholungsphase) wieder wohl auf.
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<![CDATA[Lagos Teil 1: Dezembersonne, Strandpartien und Weihnachtslichter]]>Fri, 07 Dec 2018 17:55:05 GMThttp://www.sy-balu.ch/reiseblog-sy-okoumeacute/lagos-teil-1-dezembersonne-strandpartien-und-weihnachtslichter

Advent, Advent, die Palme brennt!
Die Portugiesen mögen die Weihnachtsbeleuchtung üppig.







Unsere Bord-Weihnachtslichter fallen dagegen recht schlicht und klassisch aus.
Die Zeit rast! Der Samichlaus hat seinen grossen Auftritt schon hinter sich und Lichterketten schmücken die Gassen, Bars und Boote. Schon über einen Monat sind wir nun hier in Lagos, in der Algarve, wo wir auf dem Boot überwintern (wobei „überwintern“ ein etwas in die Irre führender Begriff ist, denn wir sitzen gerade bei strahlend blauem Himmel in kurzer Hose und T-Shirt im Cockpit),  und haben es bis jetzt nicht geschafft, einen neuen Bericht zu schreiben. Jedes Mal, wenn Regula vorhat, sich an den Computer zu setzen, kommt etwas – mehr oder weniger Erfreuliches – dazwischen. Gerade eben, zum Beispiel, wollte Thomas nur schnell ein neues Handtuch aus dem Schapp unter dem WC-Brünneli hervorholen, und musste etwas ernüchtert feststellen, dass sämtliche Frottee-Tücher pitschnass waren. Und natürlich war auch unsere Notreserve an Bargeld, die wir hier zwischen den Tüchern untergebracht hatten, in Mitleidenschaft gezogen worden. Wir trocknen die Banknoten nun vorsichtig auf dem letzten trockenen Handtuch; Geldwäsche einmal anders… Bei der Montage des neuen Wassermachers (mit dem wir nun wertvolles Süsswasser aus dem Meerwasser gewinnen können) ist wohl etwas schiefgelaufen. Wegen einer Unachtsamkeit war der Lavabo-Ablauf nicht mehr dicht. Das Malheur konnten wir zum Glück schnell beheben und dank des schönen Wetters sollten auch die Handtücher wieder trocknen, die nun nach der ungeplanten Wäsche an diversen Leinen quer über dem Cockpit hängen (weil die Tücher hauptsächlich gelb und orange sind, sieht es bei uns gerade aus wie auf einem Tibeter-Boot). Dass das durchnässte Zeug vor dem Eindunkeln noch trocknet, ist nicht selbstverständlich. Wir haben hier zwar seit vielen Tagen strahlenden Sonnenschein und die Temperaturen erreichen tagsüber oft 20 Grad und mehr, aber auch hier im Süden Portugals werden die Tage nun kürzer und die Nächte sind kühl und feucht. Immer öfter sind wir morgens damit beschäftigt, das Kondenswasser von den Luken zu wischen und das Schwitzwasser aus der Koje zu entfernen, das sich in besonders kalten und feuchten Nächten – trotz Belüftungsunterlage unter der Matratze – bildet. Da hilft nur eines: regelmässig Polster hoch heben, Schränke öffnen, und alles gut durchlüften und trocknen lassen, was bei den meist sehr angenehmen Tagestemperaturen glücklicherweise gut möglich ist.

Wenn wir nicht gerade damit beschäftigt sind, Wasser (in welcher Form auch immer) aus dem Boot zu schaffen, halten uns andere, erfreulichere, Dinge vom Bloggen ab. Es gibt hier in der Marina von Lagos eine aktive Segler-Community. Regelmässig werden Aktivitäten organisiert, an denen man spontan teilnehmen kann oder auch nicht. So wandern wir mittwochs oftmals mit den sogenannten „Lagos Strollers“ durch das portugiesische Hinterland, gehen über goldgelbe, verlassene Strände, schlendern durch beeindruckende, schroffe Klippenlandschaften oder noch ursprüngliche Dörfer und lernen auf diese Weise die Region rund um Lagos besser kennen. In einer gewissen Weise erinnern uns diese Wanderungen an die „Hashes“ – die ungezwungenen, und meist sehr schlammigen, Walks (und Runs) durch den Dschungel, die wir von der Karibik her kennen. Die stets perfekt geplanten Ausflüge der Strollers laufen zwar um einiges „gesitteter“ ab als die karibischen Hashes, sind aber nichtsdestotrotz sehr entspannt und erlauben es einem, die Umgebung so richtig auf sich wirken zu lassen. Am Ende des Tages hat man dann doch so einige Kilometer hinter sich gebracht, und dies in einer interessanten, gemischten Truppe von Seglern, Aussteigern verschiedener Couleur und anderen lustigen Vögeln.

Donnerstags versuchen wir uns im Portugiesisch-Kurs für Anfänger, ab und zu zieht es Regula ins öffentliche Hallenbad zwecks Bewahrung der mühsam erlernten Crawl-Schwimmzüge, und alle zwei Wochen findet eine „Music Night“ statt, bei der man sich in gemütlicher Runde zum Jammen, Songs-Vortragen oder einfach nur zum Zuhören trifft. Thomas kann hier seit Langem einmal wieder in die Bass-Saiten greifen und Regula versucht, die inzwischen recht eingerostete Stimme zu lösen. Mit „Alperose“ von Polo Hofer (beziehungsweise Hanery Amman) tragen wir zum internationalen Anstrich dieser Musikabende bei – nur leider versteht ausser uns keiner den Text, denn wir sind meist die einzigen Schweizer…

Und dann wäre da ja noch unsere To-Do-Liste. Die Arbeiten, die wir am Boot vornehmen wollen, füllen schon wieder eine gute A4-Seite. Da steht schon so einiges wie „Sicherung von Bücherbords und Bodenbrettern im Salon“, „zusätzliche Tablare in Küche“, „Cockpittisch abschleifen und ölen“, „Vorschoten-Umlenkung vor Fensterkanten“, „Salingleder für zweite Saling“, „Winschen reinigen und fetten“, „Stromschiene montieren“, „Iridium-Handy montieren“, „Wassermacher installieren“, „Reff 3 für Grosssegel vorbereiten“, „Halterung für Ersatzgasflasche im Ankerkasten“, „Backskisten besser abdichten“, „Heckflutlicht montieren“, „Pfannendeckel- und Bäseli-Halter einrichten“, „Kühlschrank-Thermostat reparieren“ und, und, und… Wir haben noch nicht einmal die Hälfte geschafft – die Ablenkungen sind einfach zu verführerisch, zum Beispiel wenn uns die beiden Franzosen Dominique und Bernard vom Steg gegenüber spontan zu einer Spritztour mit ihrem Auto einladen. Die beiden Segler aus der Bretagne verbringen nun bereits den fünften Winter hier in Lagos und kennen sich bestens in der Gegend aus. Nur zur gerne nehmen sie uns mit und zeigen uns ihre Lieblingsplätze – etwa verwunschene, kleine Dörfer oder wilde Strände, Klippen und Felsen in den verschiedensten Farben und Formen –, aber auch die andere Seite der Algarve: nachdenklich stimmende, riesige Retorten-Überbauungen und gespenstisch anmutende, im Winter verlassene Ferien- und Hotelanlagen, die leider immer mehr das Gesamtbild der Region prägen. Für die schönen und interessanten Ausflüge revanchieren wir uns mit einem Drei-Gänge-Menü bei uns an Bord oder einem gemeinsamen Segeltag auf der OKOUMÉ.

So sehr wir den Austausch mit Dominique und Bernard auch schätzen: Nach einem Tag des Französischsprechens sind wir meist recht geschafft. Um auf das Thema des Durchlüftens zurückzukommen: Nicht nur unser Boot wird regelmässig durchlüftet, sondern auch unsere Gehirne und zwar hauptsächlich sprachtechnisch. Unsere mündlichen Englisch-, Französisch- (und neuerdings auch sehr mageren Portugiesisch-)Kenntnisse werden täglich auf die Probe gestellt und dies meist im schnellen Wechsel. Regulas Hirnzellen sind besonders beansprucht, denn sie sind sich von der täglichen Büroarbeit vor allem die schriftliche – und kaum die mündliche – Kommunikation in Fremdsprachen gewöhnt, und dies auch wieder nur in einem spezifischen Bereich. Thomas fällt die spontane Unterhaltung auf Französisch da schon einiges leichter. Aber auch er ringt manchmal um Worte, denn hier kommen wirklich sämtliche Lebensbereiche zur Sprache.

Auch sonst werden in unserem neuen Leben auf dem Segelboot ganz andere Hirnzellen stimuliert als in unserem früheren Alltag an Land. Gefragt sind hier vor allem Flexibilität, das Erkennen von praktischen Lösungen in einem sich immer wieder verändernden Umfeld und in unvorhergesehenen Situationen. Immer wieder müssen wir „umdenken“, unsere Scheuklappen abwerfen und über unseren üblichen Horizont hinaus blicken. Dies ist nicht immer einfach, tut unseren Köpfen aber gut.

Immerhin: Auch wenn unsere Fremdsprachenkenntnisse manchmal an ihre Grenzen kommen, so sind wir doch froh, wenigstens einigermassen mit den anderen Seglern oder den Einheimischen kommunizieren zu können. Wie schade wäre es, wenn wir kein Englisch oder Französisch sprechen und nicht mit den Leuten reden könnten! So würden verschiedene hübsche Geschichten unbemerkt an uns vorübergehen, die doch so schön die unterschiedlichen Mentalitäten aufzeigen, die in einem Ort wie hier in Lagos zusammen kommen. Die Engländer lieben, zum Beispiel, eine gewisse Bar in Raposeira (ein Ort, der immer wieder gerne als Schlusspunkt der Wanderungen angesteuert wird), weil es in dieser Bar ein spezielles schwarzes Bier gibt, das man sonst in der Region nirgendwo erhält. Bernard, der Bretone, meint hierzu verschmitzt: Er sei früher in seinem Beruf als Hochseetaucher oft für lange Zeit auf See gewesen. Wenn er und seine jungen Kollegen dann einmal Landurlaub hatten, zog es sie natürlich auch als erstes in die nächste Bar, aber nicht, wie die Engländer, wegen des Biers, sondern wegen der „jolie serveuse“. Apropos französische Vorlieben: Kürzlich hörten wir im Radio eine Sendung über das kulinarische Erbe der Schweiz. In dem vom Bund initiierten Inventar figuriert offenbar auch das „Aromat“, das sich, so der Sprecher am Radio, bei Herrn und Frau Schweizer noch immer besonderer Beliebtheit erfreut. Wir wissen ja nicht, was auf der entsprechenden Liste in Frankreich steht (wenn es eine solche gibt), aber eines steht fest: Sicher würde da etwas ganz anderes aufgeführt (Champagner, Bordeaux, Moules?...) und wohl kaum eine Gewürzmischung, die jedem Gericht den Charakter raubt und mit ihrem penetranten Aroma jeglichen Eigengeschmack eines Produkts übertüncht.

Wie überall, wo Fahrtensegler zusammen kommen, sind auch hier in Lagos die Gegensätze zwischen den Seglern gross, was das Ganze ja auch so spannend macht. Einerseits liegen hier luxuriöse Yachten von 60 Fuss. Andererseits gibt es auch Individualisten, deren finanzielle Mittel sehr begrenzt sind und die trotzdem einen Weg finden, eine lange Reise zu machen. An unserem Steg liegt zum Beispiel ein kleines französisches Boot (unter 9 Meter), auf dem nicht nur ein junges Paar, sondern auch auch ein Hund, ein Velo, Blumensträusse, Gewürze in Töpfen, und immer wieder auch Freunde Platz finden. Das aufgestellte, junge Paar erwartet im Januar ein Baby und hat vor, die Geburt auf dem Boot über die Bühne gehen zu lassen, mithilfe einer Hebamme. Wir sind gespannt (und hoffen, dass alles gut geht!), denn so etwas haben wir ja auch noch nicht erlebt… Der werdende Vater arbeitet fleissig daran, das Boot wohnlicher und sicherer zu machen. Wir leihen im Werkzeug und er beschenkt uns dafür mit einem vorgefertigten Stück Sperrholz, das wir für ein neues Tablar im Küchenschrank benötigen. Es ist schön, dass die Hilfsbereitschaft unter den Yachties noch immer so lebendig ist. Dies scheint sich seit unserer letzten Reise vor fast 10 Jahren nicht geändert zu haben.

Jetzt ist es aber genug der Worte und wir lassen lieber ein paar Bilder sprechen. Viel Spass damit:


Herzliche Grüsse aus Lagos
und bis zum nächsten Bericht :-)

Thomas & Regula
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<![CDATA[Den Fängen des Zombies entronnen: Hurrikan Leslie bremst uns aus.]]>Mon, 29 Oct 2018 14:54:05 GMThttp://www.sy-balu.ch/reiseblog-sy-okoumeacute/den-faengen-des-zombies-entrungen-hurrikan-leslie-bremst-uns-aus


In Porto bleiben wir wetterbedingt um einiges länger als geplant.








Es könnte schlimmer sein.
Unser Alltag hier an Bord der OKOUMÉ unterscheidet sich in einem Punkt besonders stark von unserem früheren Leben an Land: Als wir noch in Seegräben wohnten, bestimmten verschiedene Faktoren unseren Zeitplan, hauptsächlich die Arbeit, aber auch der Fahrplan sowie die Öffnungszeiten von Geschäften oder Verabredungen mit Freunden in der Freizeit. Das Wetter spielte für den Tagesablauf nur eine untergeordnete Rolle. Dies könnte nun anders nicht sein, denn das Wetter ist das allbestimmende Element. Unser schwimmendes Zuhause und somit auch seine Crew sind Wind, Seegang und der Witterung direkt ausgesetzt. Unser Bordalltag und unsere Aktivitäten richten sich hauptsächlich nach dem Wetter: Ist der Wind (und fast noch wichtiger: sind die Wellen) günstig für den nächsten Schlag südwärts? Können wir das Boot im jeweiligen Hafen unbeaufsichtigt liegen lassen für den geplanten Landausflug oder droht Gefahr durch die bald erwartete Front? Werden wir in der Nacht gut schlafen können oder wird uns der auf das Deck prasselnde Regen wach halten? Das Wetter bestimmt, wo es lang geht, und wir müssen uns anpassen. Dass nicht alles nach unseren Köpfen gehen kann und wie klein wir im Vergleich zu den Kräften der Natur sind, haben wir vor Kurzem einmal mehr deutlich zu spüren bekommen:

Am 5. Oktober laufen wir bei besten Bedingungen in den Fluss Douro ein und machen in der nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum Portos entfernten Marina Douro fest. Das Timing stimmt: Drei Tage später trifft Thomas‘ Schwester Käthi in Porto ein. Sie verbringt bei uns an Bord ihre Ferien und wir wollen zusammen in eineinhalb Wochen nach Lissabon segeln. Die rund 170 Seemeilen sollten in dieser Zeit unter normalen Umständen gut zu schaffen sein. Doch es kommt alles anders. Hurrikan Leslie, der sich schon seit Ende September im nördlichen Atlantik herumtreibt, kommt der Küste Portugals immer näher und sorgt für ungewöhnlich viel Südwind (da wollen wir doch hin!) und stetig hohen Seegang in unserer Region. Am 11. Oktober sehen die Bedingungen jedoch relativ günstig aus und wir verlassen früh morgens unseren Liegeplatz in der Douro Marina, um die rund 65 Seemeilen bis zum nächsten Hafen – Figueira da Foz – noch bei Tageslicht hinter uns bringen zu können. Der Betonnung entlang tasten wir uns zur Ausfahrt aus dem Douro vor, drehen jedoch vor der Ausfahrt ins offene Meer wieder um. Auf der Barre bricht sich die wilde See; der Ebbstrom steht dem von Westen heranlaufenden Schwell entgegen und es sieht aus wie in einer Waschmaschine. Auch an den nächsten Tagen ist an ein Auslaufen für uns nicht zu denken, denn Leslie fängt nun an „Sperenzchen“ zu machen. Gemäss den neuesten Wettermodellen wird der Hurrikan tatsächlich irgendwo an der portugiesischen Küste Landfall machen. Wo genau kann noch niemand sagen, denn Leslie ändert immer wieder unberechenbar ihren Kurs. Weil sie scheinbar ziellos hin und her irrt, bekommt sie in den Zeitungen bald den Übernamen „the zombie“. In der Nacht vom 13. auf den 14. Oktober ist es dann soweit: Gemäss den Wetterberichten soll Leslie nun „endlich“ auf Land treffen. Das meist verbreitete Modell geht davon aus, dass das Zentrum des Sturms weiter südlich von uns – in der Region um Lissabon – durchziehen wird. An den Stegen der Marina herrscht einerseits emsige Betriebsamkeit, viele Bootseigner kümmern sich besorgt um ihre Boote, legen mehr Leinen aus, schauen nach Scheuerstellen, binden fest, was im Sturm wegfliegen könnte; hier und da wird eine nervöse Zigarette angezündet und man lenkt sich mit Smalltalk ab oder hilft einander beim Festmachen. Andere Eigner scheinen sich wiederum überhaupt keine Gedanken zu machen und lassen ihre Boote völlig unbeaufsichtigt und an wenigen, lächerlich dünnen Leinchen verkümmern. Wir haben Glück, wir haben eine Box für uns alleine und können unsere OKOUMÉ nach allen Seiten hin gut vertäuen.

Als wir bei Anbruch der Nacht den neuesten Wetterbericht hereinbekommen, sträuben sich uns die Nackenhaare. Leslie zieht nun doch nordwärts die portugiesische Küste hoch, in unsere Richtung! Auch der kurze Austausch mit dem Portugiesen, der sich um das Motorboot vis-à-vis kümmert, trägt nicht sonderlich zu unserer Beruhigung bei. „In 1,5 hours it will happen: Hurricane Leslie will make landfall here on the coast“, meint er und zündet sich noch eine Zigarette an. Das letzte Mal, dass Portugal von einem Orkan heimgesucht worden sei, sei im Jahr 1848 gewesen. „Will the marina hold?“ fragt Käthi. Er zuckt die Schultern. „I hope so“, meint er lapidar, tritt den Glimmstängel aus und macht sich über den Steg von dannen.

Wir machen eine Notfalltasche mit den wichtigsten Dokumenten und ein paar Kleidern zum Wechseln bereit, für den Fall, dass wir das Boot kurzfristig verlassen müssen. Wir klaren auch im Bootsinnern alles so auf, als würden wir auf See fahren. Dann lenken wir uns mit Fotos-Anschauen, Lesen und Teetrinken (die einen) beziehungsweise Portweinnippen (die anderen) ab. Inzwischen regnet es Bindfäden und die Boote schaukeln unruhig und ziehen immer wieder ruckartig an den Leinen (wobei wir uns an Letzteres schon gewöhnt haben, denn der Hafen ist schon seit Tagen dem stetig steigenden Schwell und starker Strömung ausgesetzt). Dann kommt der Wind. Als hätte jemand den Schalter umgelegt, weht es plötzlich mit 30 bis gut 40 Knoten. Dabei bleibt es aber auch – nach ein paar Stunden ist der Spuk vorbei, der Wind dreht von Nordost auf Nordwest und nimmt merklich ab. Wir können quasi im Minutentakt zusehen, wie das Barometer wieder steigt. Das Zentrum muss südlich von uns durchgezogen sein. Um zwei Uhr nachts legt sich auch die letzte von uns dreien schlafen.

Es war also alles nur halb so schlimm – das denken wir zumindest, als wir am nächsten Morgen gemütlich im Salon beim Zmorge sitzen und wieder lachen können. Wie wir im Hafenbüro später jedoch erfahren, waren andere Küstenbereiche nicht so glimpflich davongekommen. In der Region um Figueira da Foz (da, wo wir vor einigen Tagen noch hin wollten) sei es zu grösseren Schäden gekommen, heisst es. Später sehen wir mit eigenen Augen, wovon man uns erzählt hat und wovon auch die News berichten. Weil es noch einige Zeit dauert, bis sich die See nach dem Sturm wieder beruhigt, mieten wir ein Auto und fahren mit Käthi während zweier Tage der Küste entlang bis nach Lissabon. Etwa 100 km südlich von Porto wird deutlich, was Leslie angerichtet hat. Hier hat es laut Medienberichten Böen mit bis zu 176 km/h gegeben. Der Sturm hat mächtige Bäume entwurzelt oder mittig abgeknickt wie Zahnstocher. Abgerissene Äste begraben Strommasten und Leitungen unter sich. Kein Wunder, dass rund 100‘000 Haushalte in Portugal ohne Strom sind. Strassenschilder wurden verbogen oder umgerissen. Lampenschirme und Gebäudefenster sind zersplittert. Immer wieder sehen wir halb abgedeckte Häuserdächer, Ziegel liegen in den Gassen. Anfänglich waren wir schon etwas enttäuscht gewesen, dass wir bei unserem Versuch, südwärts zu segeln wieder umkehren mussten und Käthi – die so gerne segeln gehen wollte – zu keinem einzigen Segelschlag gekommen ist. Im Nachhinein wussten wir, dass wir grosses Glück gehabt haben. Wären wir damals tatsächlich südwärts gesegelt, hätten wir den Sturm in Figueira da Foz aussitzen müssen und ihn in seiner vollen Stärke abbekommen. So sind wir mit einem blauen Auge davongekommen!

Ein Freund von uns hat uns einmal ein schönes Lebensmotto verraten. Frei nach einem arabischen Sprichwort braucht es drei Dinge, um durchs Leben zu kommen: Humor, Geduld – und Humor. Wir werden versuchen, diese Weisheit mehr zu beherzigen. Gerade bei einem Leben auf einem Segelboot kann dies ungemein hilfreich sein ;-) Die Natur ist stärker als wir und wir müssen uns unterordnen und uns immer wieder in Geduld üben, wenn etwas nicht nach unseren Plänen läuft. Und Grund Humor zu pflegen, gibt es an Bord und auf Reisen auch zur Genüge. Zum Beispiel, als Regula nach einem Port Tonic (der portugiesischen Variante des Gin Tonic – anstelle von Gin verwendet man für den Drink weissen Portwein) in einer hübschen Strandbar beim Absteigen vom Klappvelo die Balance verliert und einfach umkippt wie ein Kind, das zum ersten mal ohne Stützräder unterwegs ist (es war wirklich nur EIN Port Tonic gewesen). Oder als wir in Baiona lagen und dieses Glockengeläute in der Melodie des Big Ben unsere Aufmerksamkeit auf sich zog. Thomas war überzeugt, dass das Läuten im Viertelstundentakt erst angefangen hatte, seit dieser Brite am Steg drüben festgemacht hatte. Als kurz darauf noch lautes Dudelsackgeplärre über die Marina drang, wurde es Thomas zu bunt und er war drauf und dran, zu dem Briten hinüberzugehen und ihm klarzumachen, dass er hier doch nicht alleine sei und seinen Nationalismus doch bitte etwas zurückhaltender ausleben möge. Beim späteren Spaziergang durch den Ort entdeckten wir, dass das Big Ben-Läuten aus einem Lautsprecher stammte und die Dudelsackmusik von einem Strassenfest herrührte… Über uns selber lachen mussten wir auch, als wir eines schönen Tages feststellten, dass einer unserer beiden grossen Kugelfender am Heck auffällig viel Luft verloren hatte. Merkwürdig, da war ein Loch mitten in der Fenderwand, woher das wohl stammte? Erst nach einigem Hin- und Herüberlegen ging uns auf, dass wir „Gfröörli“ einige Tage zuvor für ein paar Stunden die Dieselheizung angemacht hatten. Dabei hatten wir vergessen, dass der Kugelfender direkt über dem Heizungsauspuff hing. Die Hitze hatte den Kunststoff regelrecht schmelzen lassen.

Einer gewissen Ironie entbehrte auch die folgende Szene nicht: Nachdem sich das Wetter endlich etwas beruhigt hat, schaffen wir es tatsächlich, die Marina Douro bei Porto zu verlassen. Über Figueira da Foz und Nazaré segeln wir (beziehungsweise motoren wir, denn der Wind ist bisweilen sehr schwach und zu achterlich) nach Oeiras, einem Vorort von Lissabon. In dieser Marina waren wir 8 Jahre zuvor auch schon und der überschaubare Hafen in der reizvollen Umgebung am Tejo hatte uns damals gut gefallen. Wir freuen uns also sehr, wieder hier anzulegen. Im letzten Büchsenlicht machen wir heckvoran am zugewiesenen Liegeplatz fest. Romantisch richten wir es uns im Cockpit ein: Kerzen, ein schönes Glas Wein, und auf dem Herd köchelt ein feines Dinner. Als angerichtet ist und über uns die neuen, grellweissen Hafenscheinwerfer angehen und das Cockpit taghell erleuchten, können wir unsere Kerzen wieder ausblasen.

Nichtsdestotrotz ist unser Aufenthalt hier in Oeiras erneut ein sehr positives Erlebnis. Die Marina ist gut geschützt, der Ort hat Charme, die Promenade am Tejo entlang lädt zum Spazieren ein und auch die Anbindung an Lissabon ist gut (mit dem Zug ist man in 20 Minuten im Stadtzentrum). Zudem treffen wir hier auf Sam und Manu, gute Freunde von uns, die hier ein paar Tage Ferien machen. Wir laden die beiden zum Abendessen an Bord ein und es wird – Scheinwerferlicht hin oder her – ein sehr gemütlicher und entspannter Abend. Und wie schön ist es auch, hier ein weiteres bekanntes Gesicht zu sehen: Merisa, die im Marina-Büro arbeitet und die wir bei unserem letzten Besuch kennenlernten, ist dem Hafen seit 11 Jahren treu geblieben. Sie ist eine Portugiesin, die in der Schweiz aufgewachsen ist, und wir plaudern über dieses und jenes auf Schweizerdeutsch. Die Freude über das Wiedersehen ist gross.

Auch wenn wir in Oeiras noch länger bleiben könnten: Der Winter klopft an die Tür, die Tage werden merklich kürzer, die Nächte kühler und die Bedingungen weniger beständig. Es wird Zeit, die Algarve anzusteuern, wo wir an Bord „überwintern“ wollen. In der Marina Lagos haben wir für drei Monate einen Platz reserviert. Während wir nun also auf ein geeignetes Wetterfenster für den Nachtschlag südwärts warten, kommen hier ein paar Fotos von Galizien und der portugiesischen Westküste:
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